Porsche Flachbau: 911 Turbo Flatnose
Der 930 Flachbau ist einer der seltensten 911 aller Zeiten. Sein Design polarisiert allerdings. Mit seiner aerodynamischen Front im Stil des legendären 935 Rennwagens verkörpert er die Verbindung von Rennsport und Straße. Nur 948 Exemplare des auch Porsche Flatnose oder Slantnose genannten Umbaus verließen das Werk. Hier ist seine Geschichte.
„Dieses Fahrzeugdesign erinnert sehr an ‚Miami Vice’, und das polarisiert: Entweder man liebt es oder man hasst es. Ich habe es schon immer geliebt.“ Magnus Walker
Als der Porsche 935 ab 1976 die Rennstrecken dominierte, war der Wunsch vieler Kunden klar: Sie wollten diese Rennsport-Optik auch für ihre Straßenfahrzeuge. Der 935 hatte mit seiner charakteristischen Flachbau-Front und den tief in der Bugschürze platzierten Scheinwerfern einen völlig neuen Look etabliert, der sich deutlich von den klassischen Rundscheinwerfern des 911 unterschied.
Vorbild für die Front des Porsche 930 Flachbau war der erfolgreiche Rennwagen 935.
Die FIA-Regeln der Gruppe 5 erlaubten weitreichende Modifikationen an der Karosserie. Porsche nutzte diese Freiheit und entwickelte eine komplett neue Front für den Rennwagen. Die nach vorne abfallende Nase verbesserte die Aerodynamik deutlich und wurde zum optischen Markenzeichen des erfolgreichsten GT-Rennwagens seiner Zeit.
Von 1976 bis 1979 gewann Porsche mit dem 935 viermal in Folge die Markenweltmeisterschaft. Der Kremer K3, dessen Karosserie von DP Motorsport aus Overath stammte, holte 1979 sogar den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans. Die Nachfrage nach straßentauglichen Versionen war damit vorprogrammiert.
Tuner als Wegbereiter
Bevor Porsche selbst aktiv wurde, boten Tuningspezialisten entsprechende Umbauten an. Kremer Racing und DP Motorsport, die auch die Rennkarosserien für den 935 entwickelt hatten, fertigten ab Ende der 1970er-Jahre Umbaupakete für den 930 Turbo.
Ekkehard Zimmermann von DP Motorsport hatte mit seinen GFK-Karosserien maßgeblich zum Erfolg des Kremer K3 beigetragen. Diese Expertise nutzte er, um straßentaugliche Versionen anzubieten. Die DP 935-Umbauten waren keine reinen Showfahrzeuge: Durch den Einsatz von Glasfaser und später Kohlefaser reduzierte sich das Gewicht um bis zu 200 Kilogramm gegenüber dem Serien-930.
Die Kremer-Brüder Manfred und Erwin boten ihre eigene Interpretation an. Nach dem Le-Mans-Sieg 1979 explodierte die Nachfrage nach ihren Straßenversionen förmlich. Der Kremer K2 mit 395 PS und der K3 Le Mans mit bis zu 740 PS wurden zu begehrten Sammlerstücken. Prominente Käufer wie Formel-1-Weltmeister Mario Andretti, Teambesitzer Roger Penske und Baseball-Legende Pete Rose orderten diese Umbauten.
Hier sind wir mit der Neuauflage des Kremer-Porsche 935 K3 über die Nordschleife geflogen.
Der nachträgliche Flachbau von Magnus Walker basiert auf einem 911 Carrera von 1974.
Das Sonderwunschprogramm: Porsche wird aktiv
1981 wurde der erste offizielle Werks-Flachbau geboren. TAG-Inhaber Mansour Ojjeh beauftragte Porsche, ihm einen straßentauglichen 935 zu bauen. Das Ergebnis war spektakulär: Auf Basis einer 930-Karosserie verbaute Porsche Fahrwerk und Bremsen des 935 Rennwagens sowie den 3,3-Liter-Turbomotor des 934. Die Lackierung in Brillant Rot, das cremefarbene Lederinterieur mit Holzapplikationen und die BBS-Felgen machten den Wagen einzigartig. Die Liste der Modifikationen umfasste 550 Einzelpunkte.
Das Porsche-Flachbau-Einzelstück 935 Street für Mansour Ojjeh (Foto: Bonhams)
Dieser Auftrag gab den Anstoß für das Sonderwunschprogramm, das später zu Porsche Exclusive wurde. Ab 1982 konnten wohlhabende Kunden den Flachbau-Umbau offiziell bei Porsche bestellen. Der Umbau erfolgte in der Reparaturabteilung des Werks 1 in Zuffenhausen, wo erfahrene Karosseriebauer die Front in Handarbeit umgestalteten.
Die drei Generationen des Flachbau
Generation 1 (1982 bis 1983): Der Hammerhai
Die ersten 58 Flachbau-Fahrzeuge erhielten eine völlig glatte Front ohne Klappscheinwerfer. Die Scheinwerfer saßen in der GFK-Bugschürze unterhalb der Stoßstangenebene. Dieses Design erinnerte an einen Hammerhai und polarisierte entsprechend. Nicht jeder Kunde war begeistert, und in einigen Märkten scheiterte die Zulassung an den Vorschriften für die Scheinwerferhöhe.
Erste Generation Porsche Flachbau: Statt Klappscheinwerfern waren die Leuchen unten integriert. (Foto: Bonhams)
Diese frühen Fahrzeuge wurden individuell konfiguriert. Manche erhielten Schwellerverkleidungen, andere die charakteristischen Lufteinlassöffnungen an den hinteren Kotflügeln. Jedes Exemplar ist ein Unikat. Den Walflossen-Spoiler übernahm der Flachbau in allen Generationen vom 911 Turbo.
Die seltene erste Generation 930 Flachbau erhielt den Spitznamen Hammerhai. (Foto: Bonhams)
Generation 2 (1983 bis 1987): Die Klassiker
Mit der zweiten Generation führte Porsche die ikonischen Klappscheinwerfer ein, die in den vorderen Kotflügeln versenkt wurden. Diese Lösung war optisch eleganter und erfüllte alle internationalen Zulassungsvorschriften. Die Bugschürze erhielt einen zentral montierten Ölkühler und seitliche Nebelscheinwerfer.
Weitere Erkennungsmerkmale waren die Radhausentlüftungen in den vorderen Kotflügeln, die an den 935 erinnerten. Optional konnten Kunden Lufteinlassöffnungen in den hinteren Radläufen bestellen, die ebenfalls vom Rennwagen stammten. Von dieser Generation entstanden 204 Fahrzeuge.
Porsche 911 Flachbau zweite Generation. (Foto RM Sotheby’s)
Generation 3 (1987 bis 1989): Das Serienmodell
Ab 1987 wurde der Flachbau erstmals als reguläre Option im Katalog geführt. Die Optionscodes M505 (USA) und M506 (Rest der Welt) ermöglichten die Bestellung direkt beim Händler. Die Fertigung erfolgte nun teilweise auf der regulären Produktionslinie, bevor die Fahrzeuge in der Sonderwunsch-Abteilung fertiggestellt wurden.
Dritte Generation Porsche 911 Turbo Flachbau: Die US-Version kam ohne Frontölkühler. (Foto: RM Sotheby’s)
Die M505-Modelle für die USA erhielten die normale 930-Frontschürze und den Katalysator-Motor. Die M506-Modelle für Europa und den Rest der Welt kamen mit dem tief montierten Frontölkühler und meist dem 330-PS-Leistungskit. Die britische Variante hieß offiziell Turbo SE und wurde mit einem speziellen Lenkrad mit Porsche-Wappen auf dem Prallpolster ausgeliefert.
Die Scheinwerfer klappen beim 930 Flachbau aus. (Foto: RM Sotheby’s)
Insgesamt entstanden 686 Fahrzeuge der dritten Generation, davon etwa 630 für den US-Markt. Mit dem Ende der 930-Produktion 1989 endete auch die Ära des Flachbau.
Technik und Fahrleistungen
Die technische Basis bildete der reguläre 930 Turbo. Der 3,3-Liter-Sechszylinder-Boxermotor mit KKK-Turbolader leistete in der Standardausführung 300 PS bei 5.500 Umdrehungen. Das maximale Drehmoment von 432 Newtonmetern lag bei 4.000 Umdrehungen an.
Viele Flachbau-Käufer entschieden sich für die Werksleistungssteigerung, die die Leistung auf 330 PS anhob. Dieses Paket umfasste modifizierte Nockenwellen, einen größeren K27-Turbolader, eine 1,0-bar-Boost-Feder und eine Vierrohr-Auspuffanlage. Ein größerer Ladeluftkühler sorgte für stabilere Temperaturen unter Volllast.
Hier erfahrt ihr alles über die Basis des 911 Turbo Flachbau, den 930 3.3.
Der 3,3 Liter große 6-Zylinder-Boxermotor des Porsche 930 Flachbau kommt mit Werksleistungssteigerung auf 330 PS. (Foto: RM Sotheby’s)
Mit dem Leistungskit erreichte der Flachbau eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 275 km/h und beschleunigte in rund 4,6 Sekunden von null auf 100 km/h. Damit war er der schnellste aller 930-Modelle.
Die Karosseriemodifikationen brachten trotz der GFK-Teile einen leichten Gewichtszuwachs mit sich. Dafür verbesserte die flachere Front die Aerodynamik spürbar. Der cW-Wert sank, und der Auftrieb an der Vorderachse wurde reduziert.
In der Seitenansicht kann man nachvollziehen, dass sich der cW-Wert beim 930 Flachbau verbessert. (Foto: RM Sotheby’s)
Die Kosten damals und heute
Der Flachbau-Umbau war ein teures Vergnügen. Je nach Umfang der gewählten Optionen konnte sich der Kaufpreis eines 930 Turbo nahezu verdoppeln. 1985 kostete der vollständige Umbau bis zu 27.500 DM zusätzlich zum Basispreis. Ein US-Kunde zahlte 1988 für einen voll ausgestatteten Turbo SE Cabriolet mit Flachbau-Option knapp 120.000 Dollar.
Heute gehört der originale Werks-Flachbau zu den wertvollsten 911-Modellen überhaupt. Je nach Zustand, Ausstattung und Provenienz werden Preise zwischen 150.000 und 400.000 Euro aufgerufen. Besonders seltene Varianten wie das Targa oder Cabriolet mit Flachbau erreichen noch höhere Summen. Ein perfekt erhaltenes Exemplar erzielte bei einer Bonhams-Auktion 2024 über 175.000 Schweizer Franken.
Noch seltener: Porsche 911 Turbo Flachbau Cabriolet (Foto: RM Sotheby's)
Die Authentizität ist beim Flachbau-Kauf entscheidend. Da zahlreiche Umbauten von Drittanbietern existieren, sollte ein Fahrzeug mit Porsche-Echtheitszertifikat und lückenloser Historie bevorzugt werden. Der Motorcode 930/66 S auf dem Block bestätigt das originale Leistungskit. Die Zündverstellung von 25 Grad vor OT (statt 29 Grad beim Serienmotor) ist ein weiterer Hinweis auf die Werksabstimmung.
Limitierter Flachbau 2018: Porsche 935 (991)
2018 präsentierte Porsche in Laguna Seca eine echte Sensation: die Neuauflage des legendären Le-Mans-Gewinners 935.
Der nur 77-mal gebaute Wagen ohne Straßenzulassung basiert auf dem 911 GT2 RS der Generation 991 mit Flachbaufront und langgezogenem Heck. Entsprechend leistet der Sechszylinder-Boxermotor mit Turboaufladung beeindruckende 700 PS, geschaltet wird per PDK.
Neuauflage Porsche 935 von 2018: Vorbild „Moby Dick“.
Optisch erinnert das Sondermodell an den berühmten 935/78 „Moby Dick“. Details zitieren weitere Porsche-Rennhistorie: Die Titan-Abgasanlage erinnert an den 908, der Schaltwahlhebel aus Schichtholz an den 917.
Der Innenraum orientiert sich am 911 GT3 R des Modelljahres 2019 und kombiniert Carbon-Lenkrad mit digitalen Instrumenten. Optional war sogar ein Beifahrersitz erhältlich. Technisch hilft das Porsche Stability Management samt Traktionskontrolle und ABS, die enorme Leistung beherrschbar zu machen.
Der Listenpreis der Neuauflage betrug 836.000 Euro. Heute wird der Porsche 935 (991) zwischen 1,7 und 2,4 Millionen Euro gehandelt.
Hier findet ihr die 911-Sondermodelle mit dem höchsten Wertzuwachs.
1 Million Euro Wertzuwachs: Porsche 935 auf Basis des 991 GT2 RS.
Kehrt der Flachbau zurück?
Gut 40 Jahre nach dem Original verdichten sich die Hinweise auf eine Neuauflage. Porsche hat sich kürzlich die Markenrechte an den Bezeichnungen „Flachbau“ und „Flachbau RS“ gesichert. Am Nürburgring wurde ein Prototyp mit abgeflachter Front auf Basis der 991-Generation gesichtet. Die Entwicklung dürfte auf den aktuellen 992.2 übertragen werden.
Die Neuauflage würde perfekt in Porsches aktuelle Strategie passen, mit limitierten Sondermodellen die Historie der Marke zu zelebrieren. Die Heritage-Design-Serie mit Modellen wie dem 911 Sport Classic und dem 911 Spirit 70 zeigt, dass die Nachfrage nach Retro-Interpretationen hoch ist. Ein moderner 911 Turbo mit Flachbau könnte 2027 das vierte und finale Modell dieser Reihe werden und für die 80er Jahre stehen.
Ein Flachbau unterm Hammer
Wer sich den Traum vom originalen Werks-Flachbau erfüllen möchte, bekommt am 28. Januar 2025 in Paris eine Gelegenheit. RM Sotheby's versteigert ein 1988er 911 Turbo Coupé mit der begehrten M505-Option.
Der 911 Turbo Flachbau hat den typischen 930-Innenraum, hier mit einem Porsche-Design-Lenkrad. (Foto: RM Sotheby’s)
Porsche stellte den Wagen am 23. November 1987 fertig. Im April 1988 holte ihn der erste Besitzer auf Long Island ab. Die Konfiguration ist ein Klassiker: Indischrot über schwarzem Lederinterieur. Für die Flachbau-Option M505 zahlte der Erstkäufer damals 23.000 Dollar Aufpreis.
Der Flachbau zeigt 41.879 Meilen auf dem Tacho, umgerechnet etwa 67.400 Kilometer. Er präsentiert sich in seiner originalen Farbkombination.
RM Sotheby’s versteigert diesem 930 Flachbau von 1988. (Foto: RM Sotheby’s)
RM Sotheby's schätzt den Wagen auf 160.000 bis 200.000 Euro. Angesichts der umfassenden Überholung und der lückenlosen Dokumentation erscheint das realistisch. Für Sammler, die einen fahrbereiten Flachbau mit gesteigerter Leistung suchen, ist das eine gute Gelegenheiten 2025.
Wer auf dem 930 Flachbau von 1988 bieten möchte, kann das hier bei RM Sotheby’s tun.
Typisch für den 930 Flachbau: Lufteinlass mit drei Streben. (Foto: RM Sotheby’s)
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Baujahr | 1982 bis 1989 |
| Stückzahl | 948 Exemplare |
| Motor | 3,3-Liter-Sechszylinder-Boxer mit Turbolader |
| Leistung | 300 PS (Standard) / 330 PS (Turbo S Kit) |
| Drehmoment | 432 Nm bei 4.000/min |
| Getriebe | 4-Gang-Schaltgetriebe |
| Beschleunigung 0 bis 100 km/h | 4,6 Sekunden (mit Turbo S Kit) |
| Höchstgeschwindigkeit | 275 km/h |
| Neupreis (1985) | ca. 124.000 DM (inkl. Umbau) |
| Aktueller Marktwert | 200.000 bis 400.000 Euro |
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