Interview Matthias Malmedie: „Porsche hat mich versaut“

Interview Matthias Malmedie Porsche

Er hat fast alles gefahren, was Porsche gebaut hat. Trotzdem sagt Grip-Moderator Matthias Malmedie: Beim Fahren ist immer das Neueste das Beste. Ein Gespräch über den 964, der ihn als Teenager umgehauen hat, über seine Fahrt im 919 Hybrid und warum er der Meinung ist, dass der 911 auch elektrisch funktionieren kann.

Matthias Malmedie wurde vor allem als driftender Moderator der TV-Show „Grip - Das Motormagazin“ bekannt. „Qualmedie“, wie er auch genannt wird, hat die Sendung mitentwickelt und moderiert sie seit fast zwanzig Jahren, mit unterhaltsamen und teilweise auch gefährlichen Challenges gegen Niki Schelle und andere. Auf YouTube und Instagram testet er ebenfalls Fahrzeuge und erreicht mit Videos über den Bugatti Chiron, den 911 GT2 RS oder den Dacia Sandero ein Millionenpublikum. Über sein Privatleben spricht der 50-Jährige kaum. In seinem Podcast „Zum goldenen Bock“ erzählt er aus seinem Alltag und diskutiert Neuheiten aus der Autowelt. Wir haben mit ihm ein exklusives Interview geführt.

Was war das letzte Auto, das dich ehrlich umgehauen hat, im Guten wie im Schlechten?

Der McLaren W1. Wir sind zuerst in Mugello auf der Rennstrecke gefahren, und da war ich zunächst etwas genervt. Ich musste einen Helm tragen, und ich mag keine Helme, weil sie ganz viel von den Emotionen wegfiltern, die ein Auto bieten kann. Dazu ein HANS-System, das mich mega eingeschränkt hat, ich konnte nicht nach rechts und links gucken. Und ich durfte das ESP nicht ausmachen. Wenn du das ESP nicht ausschalten kannst, weißt du auch nicht, was das Fahrwerk kann, weil es dich ständig wieder einfängt.

Später durfte ich dann die Hälfte wegschalten, und das war richtig geil. Auf der Landstraße hat mich das Ding dann einfach weggescheppert, weil es so verdammt schnell ist. Unnormal emotional. Hypercars sind immer schwer einzuordnen, selbst ich komme nur selten mit ihnen in Kontakt. Aber das Auto war von einer anderen Welt.

Und weil wir hier beim Neunelfer Magazin sind: Ich hoffe, dass Porsche wieder etwas in der Richtung macht. Der W1 ist ja ein Nachfolger des P1, und der P1 war zusammen mit dem 918 Spyder und dem LaFerrari die Holy Trinity. Ich hätte gerne wieder eine Holy Trinity, und zwar mit einem Mitglied der Porsche-Familie.

Porsche hat 2023 mit dem Mission X ein elektrisches Konzeptfahrzeug als möglichen 918-Nachfolger gezeigt. Elektrische Supersportwagen sind aber nicht besonders beliebt. Also doch wieder ein Hybrid?

Ja, das müssen sie auch machen, und das ist der richtige Weg, weil es so viel Fahrspaß bringt. Der 918 war einfach ein geiles Auto. Ich wünsche es mir schlicht, dass sie es machen.

Hier sind wir den 918 Spyder gefahren.

Matthias Malmedie 918 Spyder

Porsche gegen Flugzeug: Für Grip ist Matthias im 918 Spyder gegen einen Red-Bull-Air-Race-Gewinner angetreten.

Der 918 wird seit zehn Jahren nicht mehr gebaut, da liegt viel ungenutztes Potenzial. Ferrari ist auch exklusiv und hat trotzdem mehrere Modelle in dieser Preisklasse.

Genau das ist ja bei Ferrari der Punkt, wo du dir denkst: Was soll das? Ich finde es richtig, wie Porsche das macht. Bei Ferrari denkst du dir: Warum jetzt noch ein Ding mit 1.000 PS, drei Elektromotoren und einem V6 hinten drin? Du verstehst es ja gar nicht mehr.

Du hast dem 911 Turbo den Spitznamen „der Gerät“ verpasst, und der hat sich durchgesetzt. Wie kam es dazu?

(lacht) „Der Gerät“ ist ja eigentlich ein Meme, das kommt von einer Dönermaschine. Es gibt einen legendären Fernsehausschnitt, in dem ein Typ seine Maschine erklärt und sagt: Der Gerät wird niemals müde, der Gerät schläft nie. Sehr, sehr lustig.

Und ein 911 Turbo ist genau das. Das Faszinierende an diesem Auto ist diese überbordende Power. Der Spruch kam in dem Moment, als wir Launch-Control-Starts gemacht haben. Beim Dreh musst du das ja zigmal machen, aus jeder Perspektive einmal. Mit einem anderen Auto kannst du das vielleicht zweimal, dreimal. Mit einem Porsche kannst du zwanzig Launch Controls machen. Daraus wurde: Okay, das ist der Gerät, weil der Gerät wird niemals müde. Wir haben uns am Set kaputtgelacht.

Porsche 911 Turbo S: „Der Gerät wird niemals müde.“

Welcher Porsche war dein erster echter Aha-Moment?

Das hatte gar nichts mit Fahren zu tun. Ich war ungefähr fünfzehn, sechzehn und bei einer Freundin zu einer Party eingeladen, das erste Mal bei ihr zu Hause. Ich wusste, dass die Familie wohlhabend ist. Ich bin mit dem Bus hingefahren, kam um die Ecke, und in der Auffahrt stand ein dunkelblaues 964 Coupé. Perfekt gewaschen natürlich. Ich stand da nur und dachte: Ach du Scheiße.

Das war ein Bild, bei dem ich dachte: Das ist eine andere Welt. Wir konnten uns zu Hause einen Peugeot leisten. Fängt auch mit P an, ist aber kein Porsche. Und mir war klar, dass so ein Auto niemals erreichbar sein würde. Genau das war der Moment, in dem ich dachte: So einen möchte ich mal haben.

Ich glaube, diesen Moment hat jeder Junge, viele Mädels auch. Wenn du das erste Mal einen Porsche siehst, das erste Mal mitfahren darfst, und dann noch in einem Elfer, dann bekommst du Gänsehaut. Das prägt dich fürs Leben. Ich weiß das nach 35, 40 Jahren noch ganz genau. So ein Erinnerungsvermögen hast du nur, wenn es ein besonderer Moment war.

Und hinterm Steuer?

Der erste Elfer, den ich gefahren bin, war ein 996 GT2. Da muss ich nichts mehr dazu sagen, was daran besonders ist. Ich weiß nicht, ob das Fügung war oder ob Herr Wiedeking, der damals noch im Amt war, das eingefädelt hat, weil sie mich versauen wollten. Aber versaut haben sie mich in dem Moment auf jeden Fall.

Porsche 996 GT2 2004

Porsche 996 GT2: „Versaut haben sie mich in dem Moment auf jeden Fall.“

Gibt es einen Elfer, den du jederzeit kaufen würdest?

Einen 991.2 GT3 Touring. Das ist wahrscheinlich der Traumwagen von vielen. Ich habe gestern Abend wieder im Bett gelegen und eine halbe Stunde lang die angebotenen Modelle durchgeschaut und verglichen. Dasselbe gilt für einen 991.2 Turbo S, da schwanke ich immer. Ich hätte aber auch unfassbar gerne einen 992.2 GT3, den neuesten.

Das Problem ist: Die neuen sind immer die besten. Ich bin Fahrdynamiker, und ich liebe Infotainment. Klar sind die alten Autos schön, darin schwelge ich auch, die liebe ich gar keine Frage. Aber wenn es um Fahrdynamik und Effizienz geht, ist immer das Neueste das Beste.

Mit einem 992.2 Turbo S kannst du mit neun Litern von München nach Hamburg fahren. Das geht. Und die drei Mal, wo es frei ist auf der Autobahn, latschst du voll rein, eskalierst und genießt die Power. Den Rest der Zeit gondelst du mit 130, 150 im Verkehr mit. Mehr geht auf deutschen Autobahnen gerade eh nicht.

Traumwagen: 991.2 GT3 Touring. (Oliver H Photo/RM Sotheby’s)

Und welcher reizt dich am wenigsten?

Diese Frage stellst du dem Falschen. Es gibt keinen 911, den man nicht geil findet. Wenn du mich dazu hinreißen willst: Ein Kumpel von mir hat sich einen 996 als Basismodell gekauft. Ein geiles Auto. Der liegt bei mir unten an der Reizgrenze. Aber eigentlich bringe ich nicht mal das über die Lippen, weil der mich trotzdem reizt.

Was kann ein 911 bis heute, was die Konkurrenz nicht hinbekommt?

Wie viele Stunden hast du? (Lacht) Erstens die Form und die Heritage. Es gibt kein anderes Auto, das so lange in so ähnlicher Form mit demselben Setup gebaut wurde, Motor hinten, Antrieb hinten. Und das Design ist eine Ikone, das muss ich hier ja niemandem erklären.

Was mich am meisten fasziniert, ist die Effizienz, und das sage ich bewusst zuerst. Mit einem 964 kannst du mit elfeinhalb Litern über die Autobahn gondeln, und das Ding fährt 270. Klar fährst du dann nicht mit elfeinhalb. Aber wenn du eine Überführungsetappe hast, verbrauchst du eben deine zwölf Liter. Das finde ich sensationell.

Dann die Traktion. Und die Qualität, das ist wieder das „der Gerät“-mäßige. Geh mal auf einen Trackday am Nürburgring: Da wirst du 90, vielleicht 95 Prozent Porsche finden. Alle anderen Autos, die da sind, sind stark umgebaut, damit sie das aushalten.

Für mich ist ein Sportwagen ein Auto, das ich rannehmen kann. Bei einem Porsche ist es egal, ob das die Basis ist oder das Topmodell. Ich kann ihn rannehmen, es macht Spaß, und das Auto knickt nicht ein. Ein Sportwagen ist für Sport gemacht. Und wenn er den Sport nicht aushält, ist es kein Sportwagen.

Matthias Malmedie

“Für mich ist ein Sportwagen ein Auto, das ich rannehmen kann. Bei einem Porsche ist es egal, ob das die Basis ist oder das Topmodell. Ich kann ihn rannehmen, es macht Spaß, und das Auto knickt nicht ein. Ein Sportwagen ist für Sport gemacht. Und wenn er den Sport nicht aushält, ist es kein Sportwagen.”

Luftgekühlt oder wassergekühlt, Handschalter oder PDK?

Das kommt auf die Situation an. Die ideale Porsche-Garage hat ungefähr zehn Fahrzeuge, und da ist von allem etwas dabei. Wenn ich mich festlegen müsste: wassergekühlt und PDK. Das ist das Effizienteste, das Schnellste, das Perfekteste, und wenn du im Stau stehst, ist alles entspannt. Mit einem handgeschalteten GT3 Touring willst du dich nicht eine Stunde im ersten und zweiten Gang im Stau quälen. Das kriegt man hin, aber es ist weit davon entfernt, dass du sagst: Das war eine schöne Fahrt.

Gibt es einen Porsche-Moment, der dir für immer geblieben ist?

Der 919 Hybrid. Den bin ich auf der Rennstrecke gefahren, und das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Das beste, krasseste, heftigste Auto, das ich jemals gefahren bin. Und das wird sehr wahrscheinlich auch so bleiben.

Porsche 919 Hybrid Aragon

Das krasseste Auto, das Matthias je gefahren ist: Porsche 919 Hybrid.

Porsche will den 911 nie rein elektrisch antreiben, war mit dem Taycan aber Elektro-Vorreiter. Kann ein Elektroauto so emotional sein wie ein Verbrenner?

(lange Pause) Ich überlege gerade, weil das eine sehr schwierige Frage ist. Ich glaube ja. Ich bin ein Auto gefahren, das sehr krass war. Ich darf nicht sagen, was es war. Aber es war sehr, sehr emotional.

Ich glaube nicht nur, ich weiß, dass man auch einen 911 sehr emotional machen kann, wenn er rein elektrisch ist. Hundert Prozent safe.

Wir brauchen ein bisschen Zeit, damit die Akkus kleiner werden und auf kleinerem Raum mehr Kapazität haben. Das Auto darf sich vom Setup nicht verändern, das Batteriepaket darf nicht dafür sorgen, dass der Elfer höher wird. Aber wenn die Batterien kleiner werden, sehe ich da überhaupt kein Problem.

Ich finde es generell gut, dass ein Commitment gestartet wird und man sagt: Leute, wir machen nicht nur Electric only, wir legen uns auch fest, dass wir hier einen Verbrenner-only machen. Ich weiß nur nicht, ob das in fünf oder zehn Jahren revidiert werden sollte, weil es falsch wäre, es nicht zu tun.

Also gehört der Sound für dich nicht zwingend zum Sportwagen?

Ich weiß, dass es anders geht. Es gibt heute viele Rennfahrer, die im Simracing groß geworden sind. Du hast doch sicher auch mal Simracing gemacht, egal ob PC oder PlayStation eins, zwei oder drei. Hat dir das Spaß gemacht? Klar.

Jetzt stell dir vor, du machst das in einem echten Auto. Du beschleunigst echt, du schaltest echt. Das Einzige, was nicht echt ist, ist das Geräusch. Aber es hört sich verflucht echt an. Glaub mir, nach fünf Minuten fühlt sich das nicht mehr anders an. Nur dass du weißt, dass du nicht irgendwann eine Motorrevision für 25.000 Euro vor dir hast.

Beim Handschalter ist man aber stärker involviert, gerade auf Passstraßen.

Klar. Porsche hat beim Taycan jetzt ja etwas vorgestellt, wo du auch schalten kannst. Künstlich, sozusagen.

Stell dir vor, das ist jetzt ein Taycan. Und jetzt stell dir vor, es gibt einen Elfer. Und der hört sich an wie ein Elfer. Und du schaltest selbst am PDK.

Hier stellen wir das simulierte Schalten im Taycan vor.

Dann wäre es mit dem elektrischen Sportwagen am Ende vielleicht wie heute mit luftgekühlt und wassergekühlt: Ein paar Leute sagen, früher war es urtümlicher und cooler, aber das neue Auto fährt besser?

Das ist ein sehr guter Vergleich. Ja, ich glaube, das wird so kommen und das ist gut so. (Lacht) Und ich hoffe, dass Walter mich nach diesem Interview nicht anruft und steinigt.

Wie ist deine Partnerschaft mit der Uhrenmarke Fortis entstanden?

Ich würde es ungern Partnerschaft nennen, es ist eher zusammengekommen, was zusammengehört. Sie sind auf uns zugekommen. Der Marketingleiter Andreas Bentele hat mich angerufen und gesagt: Wir finden dich cool, und wir finden, du passt zur Marke.

Da habe ich gesagt: Weißt du was, Andreas? Gut, dass du anrufst. Meine erste mechanische Uhr war eine Fortis. Die habe ich einem Kameramann abgekauft, liebe Grüße gehen raus an Norbert. Die habe ich immer noch, und ich liebe sie immer noch. Ein klassischer Flieger, Anfang der Neunziger, ganz flach. Ich habe sie revidieren lassen und ein neues Band drangemacht, sie sieht einfach mega geil aus.

Heutzutage lassen sich hochbezahlte Marketingagenturen solche Geschichten einfallen. Aber das war wirklich so. Ich hatte Andreas am Telefon und dachte: Das glaube ich jetzt nicht.

Und das Geile ist: Das Design von Fortis hat sich seitdem weiterentwickelt, aber es ist immer als echte Fortis erkennbar. Die haben keinen Turnaround gemacht und sehen jetzt plötzlich mega fancy aus. Das Markendesign ist immer noch das von damals.

Malmedie Fortis

Matthias schaut sich neue Fortis-Modelle an. (Foto: ronson)

Hatten sie dich in einer Sendung mit einer Fortis gesehen?

Nein, ich habe im Fernsehen gar keine Uhr getragen. Ich wollte nicht flexen, wie man heute sagen würde. Das habe ich für mich behalten.

Fortis ist für Flieger- und Weltraumuhren bekannt. Was reizt dich an diesem Instrumentencharakter?

Mich interessiert vor allem die Stoppfunktion, der Chronograph. Und natürlich finde ich es geil, dass die diese Uhren in den Weltraum schießen, dass sie dort funktionieren und du sie danach wieder ans Handgelenk legen kannst.

Das ist einfach Männerscheiß: Als kleiner Junge probierst du bei allem Möglichen aus, was es aushält. Du fährst mit deinem Dreirad gegen die Wand und guckst, ob es kaputtgeht. Jungs lieben so etwas. Und nichts anderes machen die, wenn sie mit den Dingern ins All fliegen. Ich bin mit fünfzig immer noch ein kleiner Junge und probiere aus, ob Sachen kaputtgehen. Beim Auto mache ich das genauso: Ich probiere, ob die Bremsen die Nordschleife aushalten. Wenn sie es aushalten, ist es ein geiles Produkt.

Ich war mal bei Fortis, da gibt es Maschinen, in die die Uhr eingespannt und aus 1,20 Meter kontrolliert gegen eine Stahlkugel geschwungen oder einfach auf den Boden fallen gelassen wird. Solche Tests müssen die Uhren durchstehen. Das finde ich geil.

Ich habe das selbst getestet, ohne es zu wollen. Wir hatten Kombis gedreht und wollten wissen, ob Mountainbikes hineinpassen. Daraus wurde eine kleine Challenge zwischen Niki und mir. Ich bin zwei Stunden lang mit dem Bike den downhill gefahren und habe vergessen, die Uhr auszuziehen. Wenn du das mit einer AP machst, ist sie kaputt. Ich hatte, glaube ich, die Marinemaster an. Der fehlte gar nichts.

Früher habe ich beim Autofahren gedacht: Hoffentlich kriegt die Uhr keinen Kratzer. Heute denke ich: Hoffentlich kriegt das Auto keinen Kratzer, die Uhr hält das auf jeden Fall aus. Wenn du mit der Fortis an die Porsche-Tür anstößt, hinterlässt sie da mit Sicherheut einen Kratzer.

Matthias Malmedie FORTIS Jupp Philipp

Fortis-Chef Jupp Philipp Zeigt Matthias Malmedie die Produktion.

Was muss eine Uhr für dich können?

Sie muss robust sein, sich am Handgelenk gut anfühlen und die Zeit anzeigen. That's it. Und sie muss natürlich gut aussehen, denn eine Uhr ist auch Schmuck. Für mich der einzige Schmuck, den Männer tragen. Klar kann man ein Kettchen anziehen, aber für mich persönlich ist die Uhr der Schmuck des Mannes.

Stoppst du wie Walter Röhrl jede Runde mit dem Chronographen?

Nein. Die meisten Runden, die ich fahre, sind auf der Nordschleife, und da geht es für mich nicht um die Rundenzeit, sondern um Genuss. Es geht darum, den richtigen Flow zu finden. Nicht jeder Tag ist gleich. Wenn ich morgens aufstehe und nicht frisch bin, ist es anders als am nächsten Tag, an dem ich plötzlich zehn Sekunden schneller fahre.

Für mich ist entscheidend, dass ich Spaß habe, dass es sicher ist und dass ich in einen Fahrzustand komme, in dem alles eins wird. Die Nordschleife ist ungefähr wie Skifahren: Du willst jede Kurve genießen, es muss ein schönes Band sein, das du da zusammenfährst, ohne Ecken, möglichst rund und flowig. Da geht es nicht um Zeit. Wenn ich stoppe, dann digital mit einem GPS-Messgerät, nicht am Handgelenk.

Auto und Uhr werden oft im selben Atemzug genannt: Mechanik, Präzision, Emotion. Echte Verwandtschaft oder Marketing?

Marketing ist falsch. Echte Verwandtschaft ist auch falsch. Es ist so: Viele Menschen, die auf besondere Autos stehen, stehen auch auf besondere Uhren. Und dann noch auf besondere Häuser, auf Architektur, auf Kunst. Da sind die Grenzen fließend, denn auch ein Auto kann Kunst sein. Und eine Uhr ist Kunst. Wenn du dir mal angeschaut hast, wie klein diese Schrauben sind, dann ist der Uhrmacher ein Künstler. Ich habe es nicht geschafft, so eine Schraube reinzukriegen.

Aber eine Uhr kann nicht rollen. Eine Uhr kann nicht fahren. Der mechanische Gedanke dahinter ist allerdings ein ähnlicher: Viele kleine Teile müssen mit hundertprozentiger Präzision im Gleichklang funktionieren. Und das ist bei einem Motor genau dasselbe wie bei einer mechanischen Uhr.

Du hast einmal gesagt, wenn du Fortis mit einer Automarke vergleichen müsstest, wäre es Porsche. Warum?

Weil beide einfach immer liefern. In einem Interview reagierst du ja auf eine Frage und haust einen raus. Aber das war für mich das Logischste, denn das schätze ich an beiden: Diese Autos und diese Uhren gehen einfach nicht kaputt.

Nichts ist beschissener als etwas, das du brauchst und das nicht funktioniert. Wie oft ist eine Uhr stehen geblieben oder ein Band gerissen? Bei Fortis passiert das nicht, weil es Toolwatches sind. Das Wort passt zu hundert Prozent. Und ein Porsche ist für mich genau dasselbe. Wenn du mit etwas Italienischem auf die Rennstrecke fährst, sagt dir der Wagen nach zwei Runden, die Bremsen sind zu heiß, fahr in die Werkstatt. Das passiert dir mit einem Porsche nicht.

Wenn bei einer Patek Philippe ein Kratzer drin ist, ist das echt scheiße. Bei einer Fortis ist es nicht schlimm. Und ich finde, Sachen müssen leben. Wenn du mit einem 911 Turbo S 800 Kilometer durch Salz gefahren bist, ist das erst mal blöd, aber ein richtig dreckiger Elfer sieht so geil aus. Ein kleiner Kratzer im Leder ist wie eine Narbe am Arm. Das war einfach das Leben, und du hast mit diesem Auto gelebt. Das darf man ruhig sehen. Wie ein Rotweinfleck im Parkett. Scheiß drauf, das ist Leben.

Du warst früher Redakteur hinter den Kulissen und hast Grip mitentwickelt. Vor die Kamera bist du eher unfreiwillig gekommen. Hat dich der Erfolg überrascht?

Klar hat mich das überrascht. Vor allem sehe ich das gar nicht so, dass ich erfolgreich geworden bin, sondern wir. Ohne die Kameraleute, ohne die Redakteurinnen und Redakteure geht das nicht. Jeder im Team ist dafür verantwortlich, nicht ich allein.

Was mich jeden Tag aufs Neue überrascht und wofür ich dankbar bin: wie lange wir das machen dürfen und wie sehr wir unterstützt werden. Zuallererst von den Zuschauern, aber auch von den Autoherstellern, die mit uns extreme Geschichten durchziehen.

Wir haben mal bei BMW angefragt. Man weiß ja, dass Vorserienautos irgendwann verschrottet werden. Also haben wir gefragt: Bevor die verschrottet werden, können wir die nicht zu Schrott fahren? Am Ende haben wir tatsächlich drei Minis bekommen. Das ging bis hoch in den Vorstand. So eine verrückte Idee in einem Großkonzern durchzuboxen, das ist große Klasse. Dass die Hersteller das seit fast zwanzig Jahren mit uns durchziehen, verdient ein Kompliment.

Grip Matthias Malmedie Aston Martin Vanquish

Matthias bei Grip: Aston Martin Vanquish im 007-Style.

Grip ist eine unterhaltsame Autosendung. Ist dir der persönlichere Zugang schwergefallen, verglichen mit klassischem objektiven Journalismus?

Es war schon immer mein Ansatz, es persönlicher zu machen. Wir sind ein Unterhaltungsformat. Ich sage den Leuten, ob die Lenkung okay ist oder ob sie nerven wird. Wenn jemand wissen will, wie sich die Lenkung im Detailvergleich zu einem anderen Auto anfühlt, muss er Auto Motor und Sport oder Auto Bild kaufen.

Ich glaube aber, die Leute wissen mittlerweile: Wenn ich eine Lenkung gut finde, dürfen sie die auch gut finden, dann gibt es damit keine großen Probleme. Und wenn ich sie scheiße finde, wissen sie, dass sie das Auto lieber weglassen.

Beim Autofahren geht es nicht nur um Zahlen, Daten, Fakten. Es geht ums Herz, und das ist beim Autokauf das Wichtigste, egal ob neu oder gebraucht. Wenn du vor deinem künftigen Auto stehst und kein Herzklopfen bekommst, sondern denkst, na ja, der braucht halt 0,3 Liter weniger: Junge, kauf das Auto, das du liebst, und nicht das, was ein bisschen sparsamer ist.

Klar müssen Autos effizienter werden, deshalb monieren wir auch, wenn eine Karre zu viel verbraucht. Nicht jedem kann das egal sein. Aber viel wichtiger ist das Herz. Autofahren ist Leidenschaft. Und Leute, die das anders sehen, gucken uns ohnehin nicht.

Wie hältst du dir die Begeisterung frisch, wenn das Hobby zum Job wird?

Ich verstehe die Frage nicht. Ich steige morgens in ein Auto und freue mich, dass ich in Bewegung bin und ein Produkt fahren darf, in das viel Ingenieurskunst geflossen ist. Das ist meine absolute Leidenschaft. Wenn ich das eine Zeit lang nicht habe, werde ich ungehalten, und mein Umfeld überlegt, welches Auto ich als Nächstes fahren könnte. Nein, langweilig wird mir das überhaupt nicht.

Wenn man jeden Tag Hypercar fahren würde, würde das irgendwann zur Normalität. Aber das ist bei mir nicht der Fall, ich fahre so etwas vielleicht fünfmal im Jahr. Für mich ist die Abwechslung wichtig: Ich fahre gerne einen Dacia Duster, am nächsten Tag einen McLaren, danach drehe ich mit meinem Multipla eine Runde, dann ist es wieder ein Turbo S oder ein GT3.

Wenn du jeden Tag mit einem Turbo S zur Arbeit fährst, wird der irgendwann Normalität. Eine sehr krasse, geile Normalität, aber eben Normalität. Deswegen ist es gut, alles Mögliche in der Garage zu haben. Man muss sich zwischendurch auch mal erden.

Matthias Malmedie Marc Lieb Valentin Schäffer Porsche Sound Nacht 2021

Matthias (mit Marc Lieb und Valentin Schäffer): „Man muss sich zwischendurch auch mal erden.“

Gab es eine Situation, in der es richtig gefährlich wurde?

Richtig gefährlich wurde es ausgerechnet auf einem der bescheuertsten Geräte, die je erfunden wurden: einem Segway. Wir sind damit offroad gefahren, ein Rennen gegen Niki und Helge. Irgendwann bin ich runtergefallen und habe mir die Schulter gebrochen. Danach konnte ich acht Wochen lang gar nichts machen. Ein richtig beschissener Moment.

Geht ihr die Gefahr bewusst ein, um den Zuschauern etwas zu bieten?

Wir wissen natürlich, dass die Zuschauer es lieben, wenn es mir oder Niki schlecht geht. Wenn wir anfangen zu schwitzen, macht es ihnen Spaß. Aber uns eben auch, sonst würden wir es nicht machen. Du bringst dich ja nicht in Gefahr, um Entertainment zu produzieren, sondern weil du es selbst cool findest. Es ist lustig, auf der Rasierklinge zu reiten.

Du bist auch die 24 Stunden auf dem Nürburgring gefahren. Hat das deine Sicht aufs Autofahren verändert?

Das 24-Stunden-Rennen ist neben der Mille Miglia das Krasseste, was man in einem Auto machen kann. Es hat mich insofern beeinflusst, als ich seitdem weiß, dass man solche Sachen auf der Straße nicht erleben kann. Die Nordschleife ist die beste und gefährlichste Rennstrecke der Welt, egal ob du sie mit einem Straßenauto oder einem Rennwagen fährst.

Beim Rennfahren bleibst du immer vor dem Grenzbereich. Das ist etwas ganz anderes als beim Driften, da bist du in der Grauzone, in der Spielzone. Dass ich das immer exzessiv ausprobiert habe, wann diese Grenze kommt und wie lange ich mich in der Grauzone bewegen kann, hat mir beim Rennfahren geholfen, weil ich das Auto nicht verloren habe. Es war also andersherum: Die Straße hat mir geholfen, auf der Strecke besser zu sein.

„Die Nordschleife ist die beste und gefährlichste Rennstrecke der Welt.“

Du bist fürs Driften bekannt, daher der Spitzname Qualmedie. Was begeistert dich daran?

Du musst ein Auto in den Grenzbereich bringen, um herauszufinden, wie es sich dort verhält. In erster Linie geht es ums Bewerten: Wenn ein Laie dieses Auto kauft und zu schnell in eine Kurve fährt, was passiert dann? Kann er das noch handeln, wenn er gegenlenkt, oder ist das Auto so giftig, dass es nicht funktioniert? Das ist die allererste Aufgabe jedes Autotesters. Und wenn du das ESP nicht ausschaltest, wirst du das nie herausfinden.

Natürlich ist es auch ein Spaßfaktor, quer durch die Kurve zu fahren, das Auto zu reiten und den Grenzbereich mit Gas, Bremse und Lenkung so perfekt auszuloten, dass es von außen sauber aussieht. Nicht gequält, sondern wie am Strich gezogen.

Der wichtigste Moment ist der, wenn du aus der Gleitreibung wieder in die Rollreibung kommst. Der Drift hört auf, und es darf keinen Zucker geben, du musst die Lenkung genau im richtigen Moment wieder geradestellen. Das ist die große Kunst.

Porsche 991.2 GT3 Drift Leipzig

„Du musst ein Auto in den Grenzbereich bringen, um herauszufinden, wie es sich dort verhält. “ (Foto: Marcus Krüger)

Was würdest du am meisten vermissen, wenn du morgen mit dem Auto-Content aufhören müsstest? Das Abenteuer? Die Bestätigung der Zuschauer?

Die Bestätigung ist mir vollkommen egal. Das ist sehr egoistisch, da geht es um meine Leidenschaft. Es ist schön, dass andere Leute das angucken. Aber ich würde genau dasselbe machen, wenn es kein YouTube und kein Fernsehen gäbe.

Matthias mit Mark Webber: Würde genau dasselbe machen, wenn keiner zuschaut.

Was möchtest du unbedingt noch erleben?

Die Mille Miglia würde ich gerne noch einmal fahren. Und ich würde gerne mit einem Bugatti über die Autobahn fahren, mit 420 oder vielleicht sogar 430. Ich bin schon 400 km/h gefahren, in Papenburg, aber da war ich eine Sekunde lang 400 schnell, das war mir zu kurz. Das würde ich gerne unter perfekten Bedingungen auf der Autobahn machen.

Am besten während der Fußball-WM, wenn Deutschland spielt. Nachts, auf der A4. Die ist mega breit und dann mega leer. Wenn Deutschland im Halbfinale oder Finale ist, ist keiner mehr unterwegs. That's it. 430. Das wär's.


Was sagt ihr zu Matthias’ Meinungen? Schreibt es gerne in die Kommentare.


Zurück
Zurück

Porsche: Weniger Umsatz, mehr Gewinn im 1. Halbjahr 2026

Weiter
Weiter

Panerai Submersible PAM01756: Puristische Taucheruhr