Vom Schrottplatz zur Villa d'Este: Der älteste 911 Targa kommt unter den Hammer

Es ist eine fantastische Porsche-Geschichte: Ein Werks-Prototyp des 911 S Targa, Dienstwagen von Rennfahrer Jochen Neerpasch und Aufklärungsfahrzeug bei der Targa Florio 1967, wird fast verschrottet in Kalifornien, nach Jahren wiederentdeckt und steht nun bei Broad Arrow am Comer See mit einer Schätzung von einer Million Euro zum Verkauf.

Ein Auto aus der Versuchsabteilung

Fahrgestellnummer 500100 ist kein normaler 911 Targa. Auf der Kardex-Garantiekarte steht als Händler „WE“, die Kurzform für „Werk“. Als erster Besitzer ist „Versuch“ eingetragen. Das Fahrzeug gehörte der Porsche-Versuchsabteilung und diente zur Erprobung des 911 S und des Targa-Konzepts.

Porsche hatte insgesamt vier Targa-Prototypen gebaut: die Fahrgestelle 500 001, 002, 003 und 100. Die ersten drei waren reguläre 911 Targa mit dem 130-PS-Motor und wurden nach Abschluss der Tests verschrottet. Nummer 100 überlebte, weil Porsche mit ihm den stärkeren 911 S Motor im Targa erproben wollte und weil das Fahrzeug anschließend eine Rolle als Presse- und Promotionfahrzeug erhielt.

Hier erzählen wir die ganze Geschichte des Targa bei Porsche.

1966 Porsche 911 S Soft Window Targa

Heute erstrahlt der Werkstestwagen 911 Targa S mit Soft Window wieder in der Originalfarbe Hellelfenbein.

Der älteste bekannte 911-S-Motor

Was diesen Prototyp für Porsche-Historiker zusätzlich bedeutend macht, ist sein Antrieb. Der 2,0-Liter-Sechszylinder trägt die Motornummer 900 054. Porsche hatte die Nummern 900 001 bis 900 100 ausschließlich für die Versuchsabteilung reserviert. Der Motorblock wurde im Juni 1965 gegossen und gehört zu den ältesten erhaltenen Aggregaten des Typs 901/02 mit der 911-S-Spezifikation von 160 PS. Selbst der allererste Targa mit Fahrgestell 500 001 erhielt eine höhere Motornummer (900 059).

Das Getriebe trägt schlicht die Nummer 11, eine interne Bezeichnung der Versuchsabteilung, wie der frühere Porsche-Entwicklungsingenieur Peter Falk bestätigte. Auf dem Motorblock finden sich zudem die Buchstaben „LL“, vermutlich die Initialen des Mechanikers, der das Aggregat aufgebaut hat.

Bei der Restaurierung zeigte sich, dass Porsche die Karosserie gezielt für den stärkeren S-Motor vorbereitet hatte: Zusätzliche Verstärkungen in den Schwellern und im Dachbereich erhöhten die Steifigkeit des offenen Aufbaus. Das Gewicht blieb dabei mit nur 1.030 Kilogramm identisch zum geschlossenen 911 Coupé von 1965.

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1966 Porsche 911 S Soft Window Targa Motor

Der 160 PS starke 6-Zylinder-Boxer ist einer der ersten S-Motoren.

Neerpasch und die Targa Florio

Ende 1966 gab Porsche den fertig erprobten Prototyp an die Presseabteilung weiter und stellte ihn anschließend dem Werksfahrer Jochen Neerpasch als Dienstwagen zur Verfügung. Neerpasch war zu diesem Zeitpunkt einer der erfolgreichsten Sportwagenfahrer seiner Generation. 1968 sollte er die 24 Stunden von Daytona im Porsche 907 gewinnen und in Le Mans im Porsche 908 den dritten Platz belegen. Später gründete er die BMW M GmbH.

Für die Targa Florio 1967, das legendäre Straßenrennen auf Sizilien, das dem Targa seinen Namen gab, setzte Porsche einen 910 für Neerpasch und Vic Elford ein. Zur Vorbereitung bekam Neerpasch den 911 S Targa als Aufklärungsfahrzeug, um den 72 Kilometer langen Piccolo Circuito delle Madonie in der Woche vor dem Rennen zu studieren. Neerpasch nutzte die Zeit gut: Im Rennen belegte er mit Elford den dritten Platz.

Im März 1967 war der Wagen auch beim belgischen Porsche-Händler D'Ieteren zur Wartung, wo er laut Jürgen Barth dem Rennfahrer und Journalisten Paul Frère für einen Test überlassen wurde.

Am 15. September 1967 kaufte Neerpasch den Targa persönlich. Die Kardex vermerkt: „v. Versuch geliefert“. Als er kurz darauf seinen Rennfahrerhelm an den Nagel hängte und die Motorsportabteilung von Ford in Köln übernahm, bekam er einen AC Cobra als neuen Dienstwagen. Den Targa verkaufte er.

Neerpasch erkundete mit dem 911 Targa S die Strecke der Targa Florio.

Dem Tod entronnen

Danach verliert sich die Spur des Wagens für 15 Jahre. 1983 tauchte er in Kalifornien auf, im Besitz von Wayne Merritt, dem Betreiber eines der größten Schrottplätze der Region. Der Lackierer Barney Alarcon hatte für Merritt gearbeitet und durfte sich als Bezahlung ein zur Verschrottung vorgesehenes Auto vom Hof aussuchen. Er entschied sich für den 911 Targa, ließ ihn in Blau Metallic umlackieren und die roten Sitze schwarz übersprühen.

1966 Porsche 911 S Soft Window Targa Innen

Auch Innen stellte die Restauration den Originalzustand her: rotes Kunstleder und Sitzmittelbahnen in Pepita-Muster.

1989 verkaufte Alarcon den Wagen als Teilespender an Robert Bivens, bei dem er 25 Jahre lang unberührt stand, bis der heutige Besitzer ihn 2014 entdeckte. Bei einer Auktion während der Monterey Car Week war das Auto nicht einmal im Katalog gelistet, stand unauffällig im Hintergrund und fand keinen Käufer, weil die Fahrgestellnummer nicht zur erwarteten Serienproduktion passte. Ein einziger Satz im Begleittext machte den späteren Besitzer stutzig: „vom Versuch geliefert".

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Die Suche nach der Geschichte

Was folgte, war eine jahrelange Detektivarbeit. Der neue Eigentümer ließ den Targa bei Patrick Motorsports in Phoenix, Arizona, zerlegen und begann systematisch, die Bedeutung der niedrigen Motornummer, der Getriebe-Bezeichnung „11" und der ungewöhnlichen Karosserie-Verstärkungen zu erforschen.

Er kontaktierte nacheinander Jochen Neerpasch, Peter Falk, Jürgen Barth, Hans Metzger, Herbert Linge, Norbert Singer und Tobias Aichele. Jedes Gespräch lieferte ein weiteres Puzzlestück. Motor und Getriebe erwiesen sich als die originalen, zur Fahrgestellnummer passenden Aggregate. Der Wagen wurde in seinen Originalfarben restauriert: Hellelfenbein mit rotem Kunstleder und Pepita-Polsterung im Innenraum.

2021 kam es am Nürburgring zur Wiedervereinigung von Neerpasch und seinem ehemaligen Dienstwagen. Der Moment erregte erhebliche Aufmerksamkeit in der Fachpresse und wurde unter anderem im PCA-Journal Panorama und im britischen Octane dokumentiert.

Technische Daten

Motor: 1.990 cm³ luftgekühlter Sechszylinder-Boxermotor (Typ 901/02), OHC, drei Weber 40 IDS Vergaser, 160 PS bei 6.600 U/min

Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb

Gewicht: 1.030 kg

Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h

Fahrgestell-Nr.: 500100

Motor-Nr.: 900 054

Getriebe-Nr.: 11

Farbe: Hellelfenbein (6604 A) über rotem Kunstleder mit Pepita-Stoff

Fazit

Es gibt unter den frühen 911 nur eine Handvoll Fahrzeuge, die eine vergleichbare Kombination aus technischer Bedeutung, Motorsport-Provenienz und dokumentierter Geschichte aufweisen. Fahrgestell 500100 ist der einzige überlebende Targa-Prototyp, trägt einen der ältesten erhaltenen 911-S-Motoren, war Werkswagen der Versuchsabteilung, Dienstwagen eines der bedeutenden Rennfahrers und Aufklärungsfahrzeug bei einem der legendärsten Straßenrennen der Geschichte. Dass er nach Jahrzehnten in Vergessenheit und dreimaliger Beinahe-Verschrottung noch existiert, macht die Geschichte umso bemerkenswerter.

Am 17. Mai 2026 kommt er bei Broad Arrow Auctions im Rahmen der Concorso d'Eleganza Villa d'Este Auction zum Aufruf. Die Preisschätzung liegt bei 700.000 bis 1.000.000 Euro.

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