Louis Vuitton und Singer: Luxus hoch 2 im 911
Angefangen hat alles mit einer Uhr. Ein Kunde wollte eine Armaturenbrettuhr für seinen von Singer umgebauten Porsche. Am Ende standen zwei komplett neu gestaltete Elfer, ein eigens entwickelter Tacho, ein Surfbrett aus Eichen- und Nussbaumholz und die erste Co-Branding-Kooperation in der 172-jährigen Geschichte von Louis Vuitton.
Wie aus einer Uhr zwei Autos wurden
„Dieses einzigartige und bemerkenswerte Abenteuer begann mit der Anfrage nach einer Armaturenbrettuhr für ein von Singer neu interpretiertes Auto“, erzählt Jean Arnault, Watch Director bei Louis Vuitton. Nach Entwurf und Fertigung dieser Uhr in den Werkstätten von La Fabrique du Temps Louis Vuitton in der Schweiz sei schnell klar geworden, dass sich die Zusammenarbeit auf die Individualisierung jedes funktionalen Elements des Fahrzeugs ausweiten lasse.
Im Zentrum steht eine abnehmbare mechanische Uhr, die sich in eine Tischuhr verwandeln lässt. Ihr Design orientiert sich an der Tambour, erkennbar an der charakteristischen Form und den zwölf polierten, gravierten Buchstaben auf der Lünette, die den Namen des Hauses bilden.
Einmal im Cockpit verbaut, zog das Konsequenzen nach sich. Die Instrumententafel musste neu gestaltet werden, damit sie mit der Uhr zusammenpasst. Tacho, Drehzahlmesser und Anzeigen wurden neu gezeichnet, bis hin zu Zeigern, Zifferblätter und Indexen, die nun die grafischen Codes der Tambour-Linie aufnehmen.
Ein Jahr Arbeit steckt allein darin.
Die gewählte Gestaltung: kräftiges Kobaltblau mit Akzenten in leuchtendem Orange für die Beschriftung.
Die Louis-Vuitton-Armaturenbrettuhr im Stil der Tabour-Modelle.
Der Coupé: Safran und Kobaltblau
Das erste Fahrzeug ist ein Porsche 911 Reimagined by Singer Classic auf Basis eines 964-Coupés. Karosserie aus leichter Kohlefaser in Safran, mit geschwindigkeitsabhängig ausfahrendem Heckflügel. Darunter arbeitet ein Vierliter-Boxer, luftgekühlt und ohne Aufladung, kombiniert mit einem manuellen Sechsganggetriebe und Heckantrieb. Verzögert wird über eine Carbon-Keramik-Bremsanlage.
Das 964 Coupé von Singer und Louis Vuitton in Safran mit kobaltblauen Akzenten.
Der Safranton ist seit über anderthalb Jahrhunderten in den Archiven von Louis Vuitton und wird seit mehr als zwanzig Jahren auf den Verpackungen eingesetzt. Er kommt zugleich Bahama Yellow nahe, einer Farbe, die eng mit den frühesten Singer-Aufträgen verbunden ist.
Interessant ist die historische Verbindung: Die Kombination aus Safran und Kobaltblau geht auf die Reisekoffer zurück, die Louis Vuitton 1924 für Citroën entwarf. Schon diese Koffer hatten kobaltblaue Innenverstärkungen.
Dazu passen die kobaltblauen Demonstrationsreifen, inspiriert von den Griffen und Bändern der Verpackungen des Hauses. Das Lüftungsgitter über dem Heckmotor trägt ein geometrisches Motiv, das aus den Initialen L und V gebildet ist.
Das Lüftungsgitter über dem Heckmotor trägt ein geometrisches Motiv, das aus den Initialen L und V gebildet ist.
Der Innenraum: Leder und Rauten
Der Innenraum ist vollständig in Leder ausgeschlagen, dessen Farbton sich am VVT-Leder orientiert, einem der meistverwendeten Materialien von Louis Vuitton. Es findet sich an Griffen, Schulterriemen, Kanten und Etiketten der Gepäckstücke.
Die Ausführung übernahm das Team von Singer. Die Kanten der Türgriffe sind mit derselben Technik gefärbt wie die Kanten von Louis-Vuitton-Taschen, genäht wird mit gelbem Garn. Die rautenförmige Prägung auf den Sitzen, an der vorderen Kofferraumverkleidung und im Motorraum greift das Malletage-Motiv aus dem Inneren der Koffer auf.
Leder und Rautenmuster von Louis-Vuitton-Koffern übernommen.
Die Sitze haben Belüftungsösen, jede einzelne von Hand gefertigt und mit dem Monogram-Flower-Motiv versehen. Dasselbe Motiv erscheint auf Sonnenblende und Kopfstützen.
Der wohl konsequenteste Eingriff: Sämtliche Kunststoffteile, die man in einem Autoinnenraum üblicherweise findet, wurden durch handgefertigte Bauteile aus natürlichen Materialien ersetzt. Einstellräder, Schalter, Schlösser, Zuglaschen und Luftausströmer bestehen nun aus Metall, überwiegend rhodiniert.
„Was Projekte wie dieses besonders spannend macht, ist genau die Möglichkeit, diese Beschränkungen herauszufordern“, sagt Octave Chany, Project Lead Designer bei Singer. „Jeder Materialübergang, jede metallische Reflexion, jede gerändelte Oberfläche, jede mechanische Interaktion und jedes grafische Element wurde sorgfältig durchdacht, oft auf nahezu mikroskopischer Ebene.“
Selbst die technischen Komponenten des Motors wurden auf ein ungewöhnliches Niveau finissiert. Die Tank- und Öldeckel tragen die Typografie, die auch auf Uhrenbauteilen von Louis Vuitton zu finden ist.
Helm, Koffer und Surfbrett
Das Coupé trägt einen eigens entwickelten Dachträger, der einen Koffer, ein Surfbrett oder ein Paar Ski aufnehmen kann.
Das Surfbrett wurde in Angers gefertigt und anschließend an die Atlantikküste gebracht, wo Harzbeschichtung und Finnen dazukamen. Es trägt eine Monogram-Marketerie aus hellem Eichen- und dunklem Nussbaumholz. Die Ski entstanden in den französischen Alpen aus Holz, Titanal und Stahl.
Der eigens entwickelte Dachträger für Gepäck oder Surfbrett.
Das Gepäck ist maßgefertigt: eine Helmtasche im Stil der Fünfzigerjahre, deren Beschläge auf den Farbton des Tankdeckels abgestimmt sind. Der Bisten, ein direkter Nachfahre der Koffer, die das Haus 1892 erstmals im Katalog führte. Der Keepall, seit 1930 ein Klassiker. Und ein Paar Taschen für den Vorderkofferraum, deren Form exakt in die Fahrzeugnase passt.
Ein Ausflug in die Historie
Bereits 1897 bot Georges Vuitton Koffer an, die eigens für Automobile entwickelt waren und sich am Heck oder auf dem Dach befestigen ließen. Sie hatten patentierte Spezialschlösser und waren flach gebaut, damit sie sich stapeln ließen.
Dazu kam ein eigenes Material: Vuittonite, eine wasserdichte und zugleich geschmeidige Leinwand, die sich in der Fahrzeugfarbe einfärben ließ. Ab 1905 gab es Zubehör wie Picknick-Sets oder die wasserdichten Sacs Chauffeurs, die den Raum zwischen den Reserverädern für Hüte und persönliche Dinge nutzten.
1909 gingen die Zwillinge Pierre und Jean Vuitton, Enkel des Firmengründers, einen Schritt weiter und entwarfen ein eigenes Auto auf einem Sportfahrgestell des Herstellers Stabilia. Später rüstete das Haus die Teams der großen Fernfahrten Paris–Peking und New York–Paris aus und lieferte im Ersten Weltkrieg Krankenwagen.
Hier findet ihr die 911-Sondermodelle mit dem höchsten Wertzuwachs.
Louis Vuitton kann auf eine lange Tradition bei Gepäck für Autofahrten zurückblicken.
Das Cabriolet: Motorboot für die Straße
Nachdem das Coupé fertig war, kam ein zweites Projekt hinzu, verantwortet von Nicolas Ghesquière, Artistic Director der Damenkollektionen bei Louis Vuitton.
Basis ist ein Porsche 911 Reimagined by Singer Classic Turbo auf einem 964-Cabriolet-Fahrgestell. Die Kohlefaserkarosserie ist in Calcaire Lutétien lackiert, benannt nach dem weißen Kalkstein, der das Pariser Stadtbild prägt, darunter auch das historische Stammhaus von Louis Vuitton am Pont Neuf. Der Heckflügel ist ein Whale Tail.
Carbonkarosserie lackiert in Calcaire Lutétien, dem weißen Kalksteinton von Paris.
Technisch steckt darin ein 3,8-Liter-Boxer mit doppelter Aufladung und Ladeluftkühlung nach dem Luft-Wasser-Prinzip, dazu ein manuelles Sechsganggetriebe mit wählbaren Fahrmodi, Heckantrieb und eine Carbon-Keramik-Bremsanlage.
„Automobildesign ist eine Leidenschaft, die immer in mir gelebt hat“, sagt Ghesquière. „Die Zusammenarbeit mit Singer war eine Gelegenheit, mich wieder mit dieser faszinierenden Welt zu verbinden.“
Sein Leitgedanke war die Verbindung zweier Welten, der nautischen und der automobilen. Das Holz gibt dem Cabriolet einen eigenen Charakter. Der Kofferraum öffnet nach hinten und gibt ein Deck aus teakähnlichem Holz frei, das den Bezug zu klassischen Motorbooten weiterführt.
Auch die Stoßfänger enthalten Holzelemente, was Designer und Ingenieure vor eine zusätzliche Aufgabe stellte. Goldene Akzente sind wie Schmuck über das Fahrzeug verteilt.
Nautische und Automobilwelt verbunden: Singer Classic Turbo Cabrio.
Maritimes Flair im Cockpit
Beim Cabriolet sitzt die Armaturenbrettuhr nicht in der Instrumentierung hinter dem Lenkrad, sondern in der Mitte der Konsole, die mit Naturleder bezogen ist. Warme goldene Anzeigen, ein Zifferblatt im exakten Farbton der Außenlackierung und ein passender goldener Zündschlüssel bilden eine Verbindung zwischen Innen und Außen.
Im Innenraum: Leder, Holz und weiße Instrumente.
Das Armaturenbrett trägt die Signatur von Louis Vuitton, die sich nach Einbruch der Dunkelheit in den Rückleuchten wiederholt. Ein Lederpatch am Lenkrad ist eines der Erkennungsmerkmale von Ghesquière.
Unter der Armaturenbrettuhr erinnert die Blende des Schalthebels an die Silhouette der Noé-Tasche, aufgegriffen über den Zugriemen aus Naturleder.
Hinter den Sitzen liegt ein Gepäckfach, das eigens für die Form dieses Fahrzeugs entwickelt wurde: Leder über einer technischen Holzschale, gefertigt aus lackiertem Holz nach derselben Technik, die für Runabout-Decks verwendet wird. Es nimmt maßgefertigtes Gepäck auf und das leichte Verdeck, das ebenfalls von der Seefahrt inspiriert ist.
Holzverkleidungen finden sich außerdem im Motorraum und im vorderen Kofferraum, wo ein Koffer aus drei ineinandersteckbaren Einzelteilen sitzt. Lederriemen mit Dornschließen auf beiden Hauben verweisen zugleich auf Motorsport, Kofferbau und Uhrenarmbänder.
Was die Fahrzeuge kosten, verraten die beiden Häuser nicht.
Was der Fahrer trägt
Zu beiden Fahrzeugen gehört jeweils eine eigene Kollektion.
Für das Coupé entstanden Stücke aus Millésime-Leder in Safran, Kobalt und Gelb. Dazu gehören eine Rennjacke aus genarbtem Leder mit perforiertem LV-Reißverschluss und drei Monogram-Flower-Ösen auf der Brust, deren Seidenfutter die gestickte Blume wiederholt. Weiter eine gerade geschnittene Jeans aus schwerem Baumwoll-Seiden-Denim mit Kontrastnähten, altgoldenem Knopf und einem Louis Vuitton x Singer Label am hinteren Bund.
Beim Schuhwerk gibt es zwei Optionen: den LV Rally, einen Fahrerschuh mit LV-Initialen an der Seite und Gummisohle, oder den LV Remix Derby in Wandersilhouette mit tiefblauer Schlüsselglocke. Dazu perforierte Fahrhandschuhe in Naturfarbe oder Kobaltblau und ein Jethelm aus Carbon und Glasfaser mit Kalbslederbesatz und genietetem Schirm.
Selbst die Schlüssel bekamen eine eigene Lösung: ein Etui für sechs Schlüssel mit Louis Vuitton x Singer Prägung, alternativ ein Glockenanhänger, der sich an einen Taschengriff hängen oder um den Hals tragen lässt. Für die Fahrzeugpapiere gibt es eine Pochette nach dem Vorbild einer Aktenmappe der Fünfzigerjahre.
Für das Cabriolet entwarf Ghesquière eine eigene Kollektion. Die Armaturenbrettuhr findet ihre Entsprechung am Handgelenk in einer Tambour Automatic, 40 Millimeter, aus Keramik und Gelbgold, deren Armband ohne sichtbaren Steg durchläuft. Trägt man keine von beiden, ruhen sie im Coffret Trésor, das Georges Vuitton erstmals 1896 fertigte und das hier als Paar neu aufgelegt wurde.
Dazu ein maßgeschneiderter Anzug aus Fallschirmseide, dessen zweite Initiale des Hauses als V-förmige Naht ausgeführt ist statt als Emblem. Fahrhandschuhe aus geflochtenem Leder mit handbemaltem Monogram-Druckknopf, der LV Sneakerina, eine Sonnenbrille aus Gold und Acetat mit einer Monogram-Blume unter einem der Gläser sowie ein Helm aus Carbon, Glasfaser und lackiertem Creme mit hellbraunem Visier.
Über Singer
Singer wurde 2009 in Kalifornien gegründet und arbeitet nach einer Philosophie, die das Unternehmen als A Relentless Pursuit of Excellence beschreibt. Bekannt wurde die Firma für die Zusammenarbeit mit Besitzern klassischer Porsche 911.
Drei Leitgedanken prägen den Ansatz: Schönheit, Handwerk und Ingenieurskunst, die Würdigung der bedeutendsten Sportwagen der Welt und eine enge Verbindung zu Kalifornien und seiner Automobilkultur.
Das Unternehmen betreibt zwei Standorte. In Kalifornien entstand das Coupé, in England das Turbo-Cabriolet.
„Die von Louis Vuitton gewählten Spezifikationen brachten uns mit Techniken und Methoden in Berührung, die über Jahrzehnte an Erfahrung entwickelt wurden“, sagt Rob Dickinson, Gründer und Executive Chairman von Singer. „Sie vertrauten uns ihre angesehene Marke an, ihre Traditionen und ihre Vision, und es war eine Freude, unsere beiden Welten zusammenzubringen.“
Weiterführende Informationen auf der ⇒ Singer-Webseite
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