10 Kilometer in 30 Jahren: Porsche 964 Carrera RSR 3.8 mit Straßenzulassung

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Strassenversion“

Ein Rennwagen, der nie ein Rennen fuhr. Ein Straßenauto, das nie auf der Straße bewegt wurde: Vom 964 Carrera RSR 3.8 baute Porsche 51 Stück. Dieser Wagen von 1993 ist eines von zwei Modellen mit Straßenzulassung und Luxusausstattung und lag in einem tiefen Dornröschenschlaf. Nun versteigert RM Sotheby's dieses Unikat mit gerade einmal 10 Kilometern auf dem Tacho. Die Schätzung liegt zwischen 2,15 und 2,55 Millionen Euro.

Um die Bedeutung dieses Autos zu verstehen, muss man ins Jahr 1992 zurückblicken. Der Gruppe-C-Sportwagensport, in dem Porsche mit dem legendären 956 und 962 dominiert hatte, war am Ende. Regeländerungen hatten die Leistung der Klassiker beschnitten, die Kosten waren explodiert, und die FIA beendete die Sportwagen-Weltmeisterschaft, ohne einen direkten Nachfolger zu schaffen.

Für Porsche war das ein Problem. Das Werks-Engagement war Geschichte, ein laufendes Kundensportprogramm gab es nicht. In diese Lücke stieß der 911 Carrera RSR 3.8 auf Basis der Baureihe 964. Dieser Wagen gilt als Initialzündung für den GT-Rennsport-Boom, der Porsche bis heute prägt.

Der RSR trug einen luftgekühlten 3,8-Liter-Sechszylinder-Boxer vom Typ M64/04, der bis zu 380 PS leisten konnte. Unter dem GFK-Motordeckel, der eine Einheit mit dem mächtigen zweistöckigen Heckflügel bildete, saß ein Triebwerk, das aus dem Carrera-Cup-Konzept weiterentwickelt war. Türen und Fronthaube bestanden aus Aluminium, die Seiten- und Heckscheiben aus dünnem Leichtbauglas.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8Strassenversion 1993

Der Porsche 911 Carrera RSR 3.8 lag in einem Dornröschenschlaf und staubte ein.

Erfolge von Anfang an

Um die Homologation für die deutschen GT-Serien zu erfüllen, baute Porsche 55 straßenzugelassene RS 3.8 sowie 51 Renn-RSR. Die Rennversion schlug sofort ein. Zu den größten Erfolgen zählen Gesamtsiege bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1993, beim 1000-Kilometer-Rennen von Suzuka und bei den 24 Stunden von Interlagos. Dazu kamen ein Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans, ein Vierfacherfolg in der Klasse in Daytona und ein weiterer Klassentriumph in Sebring.

Von den 51 gebauten RSR waren bis Mitte August 1994 bereits 48 ausgeliefert. Einer der verbleibenden drei wurde als Rohkarosserie geordert, um einen verunfallten Rennwagen aufzubauen. Die letzten beiden aber waren für einen außergewöhnlichen Kunden bestimmt, der sich seine Vorstellung vom ultimativen straßentauglichen 964 erfüllen wollte.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion Schräg hinten

Porsche 964 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Traum vom ultimativen Rennwagen mit Straßenzulasdung.

Großbestellung vom VIP-Kunden

Wie das Standardwerk „Porsche 964 Carrera RS 3.8“ der Markenkenner Jürgen Barth, Norbert Franz und Robert Weber dokumentiert, besuchte dieser bedeutende Kunde die Porsche Exclusive Manufaktur und bestellte gleich sechs Fahrzeuge: zwei linksgelenkte und zwei rechtsgelenkte Turbo S Lightweight sowie zwei Carrera RSR 3.8 als Straßenversion.

Alle sechs Wagen waren mit Sonderwünschen ausgestattet, die danach nie wieder bei Kundenfahrzeugen zu sehen waren. Die Felgensterne waren in Amethyst Metallic lackiert, alle trugen goldene Bremssättel. Diese beiden Merkmale verbanden die sechs Autos, obwohl jedes individuell konfiguriert war. In einer Zeit, in der Porsche finanziell zu kämpfen hatte, war ein solcher Großauftrag in Stuttgart hochwillkommen und führte letztlich zur Entstehung einiger der berühmtesten 964-Modelle überhaupt.

Eines dieser sechs Fahrzeuge trägt die Chassis-Nummer 496107 und wird nun versteigert.

Hier stellen wir das Einzelstück Porsche 964 Speedster „Physical Sculpture XI“ vor.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion Felgen in Amethyst Metallic

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Felgen in Amethyst Metallic und goldene Bremssättel.

Leder für den Rennwagen

Der Wagen erreichte Großbritannien am 25. März 1996, volle zwei Jahre nachdem die RSR-Produktion eigentlich beendet schien. Ein Grund für die lange Bauzeit war die maßgefertigte Lederausstattung in Indischrot, ausgeführt in „Interior-to-Sample“.

1993-Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion Innenraum

Luxuriöser Innenraum im 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Sogar der Überrollkäfig ist beledert.

Dieses Leder überzieht nicht nur Sitze, Lenkrad und Armaturenbrett. Auch der Matter-Überrollkäfig wurde von Hand mit demselben Leder umnäht, ebenso die Lenksäule, die Mittelkonsole, die Türverkleidungen und sogar die Leitungen der eingebauten Wagenheberanlage. So entstand der luxuriöseste 964-Rennwagen für die Straße. Der Teppich in Can-Can-Rot und die Sechspunkt-Schroth-Hosenträgergurte sind farblich abgestimmt, ebenso der Dachhimmel. Die silberfarbenen Instrumenteneinfassungen sind von silbergrauem Leder umgeben, genau wie die Türgriffe und der mittlere Teil des Armaturenbretts. Selbst die Luftdüsen, Schalter, das Zündschloss sowie die Blinker- und Wischerhebel sind mit schwarzem Leder bezogen.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Strassenversion Sitze

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Schalensitze in indischrotem Leder.

Außen trägt der Wagen die Lackierung Polarsilber Metallic, sogar die Sitzrückseiten sind in dieser Farbe gehalten. Das Schwesterfahrzeug, Chassis 496109, erhielt dieselbe aufwendige Innenausstattung, wurde aber in Grand Prix Weiß lackiert.

Hier findet ihr die 911-Sondermodelle mit dem höchsten Wertzuwachs.

Rennsportmotor

Trotz der luxuriösen Anmutung blieb der RSR technisch ein Rennwagen. Beide „Strassenversion“-Modelle erhielten den höherwertigen Doppelzündungsmotor in „Le Mans“-Spezifikation, eine komplette Wagenheberanlage, einen 120-Liter-Tank und ein zu 40 Prozent sperrendes Hinterachsdifferenzial.

Doch aus unbekannten Gründen wurde keiner der beiden RSR jemals auf der Rennstrecke ausgefahren oder über eine Landstraße gejagt. Stattdessen verschwanden sie für fast zwei Jahrzehnte im Neuzustand in der riesigen Sammlung ihres Besitzers.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion Motor

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Der 6-Zylinder-Boxer mit Doppelzündung leistet 325 PS.

Wiederentdeckt unter Cosmoline

Anfang 2015 tauchten die beiden Fahrzeuge wieder auf, noch immer überzogen mit der werkseitig aufgebrachten Cosmoline-Schutzschicht. Chassis 496107 zeigte gerade einmal 10 Kilometer auf dem Tacho, kaum zu glauben für ein über zwanzig Jahre altes Auto. Es entsprach dem Auslieferungszustand.

Der Wagen ging im Mai 2017 an einen zweiten Besitzer und wurde im November 2023 vom jetzigen Eigentümer erworben. Beide Folgebesitzer ließen das Auto nahezu unberührt, abgesehen von gelegentlichen Transporten. So kommt der RSR zur Auktion, wie er aus dem Lager kam: noch mit dem Staub und Schmutz der Einlagerung überzogen, auf dem originalen Reifensatz und mit dem zur Fahrgestellnummer passenden 3,8-Liter-Boxer und dem Getrag-G50-Getriebe.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Cosmoline-Schutzschicht

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 Straßenversion: Die Cosmoline-Schutzschicht sorgt für vorübergehende Patina

Fazit

Es gibt Sammlerstücke, und es gibt Fahrzeuge, die eine eigene Kategorie bilden. Dieser RSR gehört zur zweiten Sorte. Aus der ohnehin seltenen Gattung des 964 Carrera RSR 3.8 ist er einer von nur zwei luxuriösen Straßenversion-Wagen, die je gebaut wurden.

Die Kombination aus extremer Spezifikation, maßgeschneidertem Lederinterieur, lückenloser Originalität und der fast unwirklichen Laufleistung von 10 Kilometern macht diesen Wagen zu einem der außergewöhnlichsten 964 überhaupt. Wer seine Porsche-Sammlung um ein wahres Ausnahmefahrzeug bereichern will, findet hier einen Wagen, der selbst einem 959 oder einem Carrera GT die Aufmerksamkeit stiehlt.

Ob die Schätzung von 2,15 bis 2,55 Millionen Euro erreicht wird, entscheidet sich am 8. Juli 2026 bei der Woodcote Park Auction. Bei einem derart einzigartigen Fahrzeug sind Überraschungen nicht ausgeschlossen. Nur schade, dass der RSR wegen des wertsteigernd geringeren Kilometerstands wohl nie gefahren wird.

Wer auf den Carrera RSR 3.8 mitbieten möchte, kann das hier bei RM Sotheby’s tun.

Wie gefällt euch das Modell? Schreibt es gerne in die Kommentare.


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