Im 911 nach Dakar: Marnie Brandenburg und die Rallye Africa Eco Race
Mit einem 911 SC durch die Sahara bis nach Dakar: Marnie Brandenburg und ihr Vater Erik haben bei der Africa Eco Race 2026 ihre Klasse gewonnen. Im Interview erzählt Marnie, wie ein Renntag abläuft, warum ein leichter Elfer in den Dünen funktioniert und wie sie am letzten Tag den Wagen fast ins Ziel schieben mussten.
Zwölf Etappen, gut 6.000 Kilometer von Tanger durch Marokko und Mauretanien bis zum Lac Rose bei Dakar, und am Ende ein Strand, der kaum passierbar ist. Marnie Brandenburg ist die Africa Eco Race 2026 als Copilotin ihres Vaters Erik gefahren, in einem von ihm umgebauten Porsche 911 SC G-Modell mit 3,2-Liter-Motor und ohne Klimaanlage. Die beiden gewannen in ihrer Klasse (Baujahre 1970 bis 1986) und waren unter allen historischen Fahrzeugen die schnellsten ohne Allrad. Während viele Konkurrenten in Werksteams mit eigenen Mechanikern antreten, schraubt das Vater-Tochter-Team abends im Biwak oft selbst.
„Ich bin da einfach reingeboren“
Neunelfer Magazin: Marnie, war die Africa Eco Race deine erste Rallye mit deinem Vater?
Marnie Brandenburg: Nein, wir sind schon häufiger zusammen gefahren. Das erste Mal Wüste mit 23. Das war in Turkmenistan, eine siebentägige Rallye entlang der alten Seidenstraße. Die Africa Eco Race, die sich an der ursprünglichen Dakar-Strecke orientiert, sind wir sowohl letztes Jahr als auch dieses Jahr gefahren. Letztes Jahr saß ich mit meiner Schwester Carla in einem eigenen 911 und mein Vater mit einem Freund im zweiten Auto, dieses Jahr waren wir zusammen in einem Auto. Wir starten in der historischen Kategorie. Mit den modernen Autos kann man uns gar nicht vergleichen, die haben viel mehr PS und alle Allrad. Wir haben nur Heckantrieb.
Im Interview erzählt Erik Brandenburg warum und wie er die 911er für die Rallyes umbaut.
Was reizt dich an dieser Art von Rallye?
Ich bin da einfach reingeboren. Für eine Frau ist das vielleicht untypisch, aber ich hatte schon immer Lust auf so etwas. Mit vier hatte ich meine erste kleine Motocross-Maschine mit Automatik und habe sie geliebt. Bei den ganz modernen Rennautos kenne ich mich gar nicht so gut aus. Mir macht es einfach riesigen Spaß, auf Zeit zu fahren und das als Team zu schaffen, in so einem Auto. Ich habe sehr früh Blut geleckt. Und es ist natürlich auch eine besondere Konstellation, das mit meinem Vater zu bestreiten. Ich will das auf jeden Fall mein Leben lang weitermachen.
Zwei luftgekühlte 911, die Marnies Vater für die Rallye umgebaut hat. (Foto: Marcus Krüger)
Aufstehen um fünf, ankommen in der Nacht
Wie läuft ein Tag bei der Africa Eco Race ab?
Man übernachtet jeden Abend in einem Biwak, einer Zeltstadt, in der sich alle treffen, Motorradfahrer genauso wie Autofahrer. Am Abend bekommt man die Startzeit für den nächsten Tag, die liegt immer zwischen 5:30 und 6:30 Uhr. Wir stehen also gegen fünf auf, essen etwas Kleines, trinken was und ziehen uns direkt an.
Beim Start stellt man sich an und bekommt eine Karte, auf der man den ganzen Tag bei den Zeitetappen abgestempelt wird. Ein Rallyetag besteht meist aus etwa fünf Wertungsprüfungen, dazwischen liegen Verbindungsetappen. Manche Prüfungen gehen über 250 Kilometer, anspruchsvollere nur über 20. An manchen Tagen kommen so 600 bis 900 Kilometer zusammen. In den Dünen ist man teilweise nur mit 20 km/h unterwegs.
Je nachdem, wie lang und schwierig der Tag ist, ob man eine Panne hat oder anderen hilft, kommt man am frühen Abend oder in der Nacht im nächsten Biwak an. Spätabends gibt es dann das Briefing für den nächsten Tag. Einmal wurden wir zum Beispiel gewarnt, dass eine Oase kommt, in der Hunderte Kamele unterwegs sind.
Und dann geht es noch ans Auto?
Jeden Abend. Je weiter es nach Süden geht, desto durchgeschwitzter ist man. Wir fahren in feuerfesten Anzügen und haben keine Klimaanlage. Das ist eine echte körperliche Belastung. Wenn man aus dem Auto steigt, spürt man fast nichts mehr und kann kaum gerade gehen. Man trinkt zwei, drei Minuten etwas, isst etwas Zuckerhaltiges, und dann geht es sofort los, das Auto wieder flottzumachen.
Letztes Jahr ist mir zum Beispiel ein Öhlins-Stoßdämpfer geplatzt. Den mussten wir gegen einen alten Bilstein tauschen. Dieses Jahr waren wir, toi, toi, toi, relativ pannenfrei. Wir hatten einen Reifenschaden, und natürlich muss man jeden Abend den Luftfilter ausschütten und das Auto vom Sand befreien. Aber Getriebe oder Motor mussten wir nicht ausbauen.
Auf Instagram war letztes Jahr ein 911 mit komplett weggeknicktem Vorderrad zu sehen. Was ist da passiert?
Das war das Auto meines Vaters. Er hat einen Sprung übersehen, ist abgehoben und auf einem Stein gelandet. Dabei ist vorne die Achse gebrochen. Wir mussten drei Stunden warten, bis der Truck mit den Ersatzteilen kam, und dann wurde das vor Ort behelfsmäßig repariert. Am Ende ging bei dem Auto auch noch das Getriebe kaputt, sodass es wirklich nicht weiterfahren konnte. Für mich war das in gewisser Weise sogar Glück: Wir konnten die Stoßdämpfer aus seinem Auto ausbauen und in meins einbauen. So musste ich nicht nur auf Federn, sondern mit vernünftigen Dämpfern weiterfahren.
Das Glück mit dem Gulf-Team
Hattet ihr Mechaniker dabei?
Letztes Jahr haben wir alles selbst gemacht. Wir hatten einen MAN-Lkw mit vielen Ersatzteilen dabei. Das haben die meisten nicht, viele sind Werksfahrer für Red Bull, Yamaha und andere und haben ihre eigenen Mechaniker. Selbst zu schrauben kostet enorm viel Kraft und Nerven. Es gibt kaum eine Minute, um zu verarbeiten, was am Tag passiert ist, obwohl es teilweise wirklich brenzlig war. Wenn man jemanden aus dem Sand gezogen hat, ist es schön, sich nachts im Biwak zu treffen und zu sagen: Danke, was war das für eine Aktion? Dafür war letztes Jahr gar keine Zeit.
Dieses Jahr hatten wir riesiges Glück. Eigentlich wollte auch ein alter Gulf-Porsche mitfahren, mit einem richtig tollen französischen Mechanikerteam und einem Truck mit Kühlschrank, Dusche und Wasserreservoir. Der Fahrer ist aber krank geworden und konnte nicht starten. Das Mechanikerteam kam dann auf uns zu und sagte: Wir sind bezahlt, wir wollen auch nach Dakar, haben aber keinen Porsche mehr, um den wir uns kümmern können. Wie wäre es, wenn wir zusammenkommen?
Was hat sich dadurch verändert?
Alles. Vorher hatten wir zwei, drei Quadratmeter Ersatzteile auf einem Truck gebucht, der ohnehin mitfährt. Jeden Abend hätten wir diesen Truck im Biwak suchen müssen, der teilweise kilometerweit weg stand. Jetzt kamen wir an, die Plane war schon ausgelegt, die Jungs haben sich gefreut, uns aus dem Auto geholfen und sofort angefangen, den Wagen fertigzumachen. So etwas kannten wir gar nicht. Das war totaler Luxus, und die waren Weltklasse. Wir sind ein richtiges Team geworden.
2025 hatten Marnie und ihr Team einen LKW mit Ersatzteilen dabei, 2026 mussten sie nicht selbst schrauben. (Foto: Marcus Krüger)
Mit 0,5 bar durch die Dünen
Mit Heckantrieb in die Dünen: Fährt man sich da nicht ständig fest?
Doch, natürlich. Es ist ein Zusammenspiel aus Können und Wissen: Was geht mit dem Auto? Wo genau fahre ich, wie beschleunige ich, welchen Gang lege ich ein, wie hochtourig fahre ich? Man muss das Auto in- und auswendig kennen. Man muss einschätzen, wie schwer man ist, wie viel man getankt hat und wie der Sand ist. Es gibt festeren Sand und welchen wie Puderzucker.
Dann kommt der Luftdruck. Wenn wir wussten, dass es richtig in die Dünen geht, sind wir oft mit 0,5 bar gefahren. Vorne etwas mehr, hinten ganz platt, damit die Reifen viel Auflagefläche haben. Und man darf um Gottes willen niemals anhalten. Wir sind mit ganz niedriger Drehzahl gefahren. Eigentlich ist es ein Wunder. Es funktioniert nur, weil das Auto so leicht ist.
Wie leicht?
Das Auto wiegt ungefähr 980 Kilo. Wenn wir wussten, dass Dünen kommen, hatten wir oft nur 20 Liter Sprit an Bord. Mit uns beiden darin waren wir vielleicht bei 1.100 bis 1.200 Kilo. Das ist wirklich leicht. Aber es ist auch volles Risiko.
Was passiert, wenn es doch schiefgeht?
Der Wind baut die Dünen teilweise richtig nach oben auf, und man weiß nicht, wann sie abbrechen. Man versucht, ein wenig vom Grat links oder rechts zu sehen, aber man fährt immer wieder ins Nirgendwo und muss schnell reagieren. Wer in der Düne anhält, hat verloren. Wir haben natürlich auch Leute getroffen, denen das passiert ist. Wir sind mit mehreren Teams gefahren, die zu uns gehören, und helfen uns, wo wir können. Aber in diesem Moment ist es unmöglich anzuhalten, sonst hat man das Problem zweimal.
Wir sind einmal selbst stecken geblieben. Zum Glück stand dort ein ganz tief verwurzelter Wüstenbaum, an dem wir uns mit der Seilwinde herausgezogen haben.
Marnie Brandenburg: In den Dünen den Luftdruck reduzieren, dann kommt man mit dem leichten Hecktriebler durch.
Vier Augen sehen mehr als zwei
Bleibt bei all dem Zeit, die Landschaft und die Menschen wahrzunehmen?
Als Copilotin eher als am Steuer. Auf langen Verbindungsetappen, zum Beispiel 150 Kilometer teils Asphalt, teils Schotter, für die man drei bis vier Stunden Zeit hat, kann man etwas entspannter fahren und sich umschauen.
In den Wertungsprüfungen geht das nicht. Dieses Jahr bin ich als Copilotin gefahren, und vier Augen sehen auf dem Weg mehr als zwei. Die Strecken sind so anspruchsvoll, dass es Schlag auf Schlag geht und ich ansagen muss: nach 232 Metern 90 Grad rechts, nach 120 Metern links.
An bestimmten Wegpunkten wird auf die Sekunde gemessen, wann man ankommt. Da kann man nicht rausschauen und sagen: Guck mal, ein Kamel mit Baby, wie niedlich. Da muss man schnell denken, schnell ansagen, mitschauen und die nächsten Wegpunkte schon vorausschauend ansagen.
Wie sind die Wertungsprüfungen aufgebaut?
Jeden Tag anders. Man muss Wegpunkte sammeln, und wer einen verpasst, bekommt einen großen Abzug. Manchmal gibt es ein Roadbook, manchmal nur einen Kompass. Dann hat man zum Beispiel 80 Kilometer mitten in der Wüste und nur drei einzelne Punkte. Dazwischen liegen Gebirge und wer weiß was, aber man muss es irgendwie schaffen, in etwa anderthalb Stunden. Dann gibt es Gleichmäßigkeitsprüfungen, bei denen alle 30 Sekunden auf die Millisekunde geprüft wird, ob man richtig liegt. Und es gibt Prüfungen, bei denen gewinnt, wer als Erster im Ziel ist. Das unterscheidet die Africa Eco Race von vielen Oldtimer-Rallyes, bei denen fast nur noch Gleichmäßigkeit gefahren wird.
Auf der Felge ins Ziel
Gab es einen Moment, in dem du dachtest, ihr kommt nicht an?
Ganz kurz, auf den letzten Kilometern, da dachte ich, wir müssen ins Ziel schieben. Die letzte Etappe führt wie früher bei der Rallye Paris-Dakar zum Lac Rose, ein großer Teil davon am Strand, dann durch die Dünen hoch zum See. Der Strand war vom Meer mit richtig tiefen Rinnen durchzogen. Man musste teilweise stark abbremsen oder mit Vollgas darüberfliegen und wieder aufkommen.
In einer Rinne sind wir komplett im Meer gelandet. Wir konnten gar nichts mehr sehen, und dann ist der Reifen von der Felge gesprungen. Mit dem letzten Schwung sind wir gerade noch auf die Düne gekommen. Danach kam nur noch Sand, und wir sind hinten rechts auf der Felge gefahren. Ich saß als Beifahrerin rechts und habe mich halb auf meinen Vater gelegt, damit hinten rechts weniger Last ist. So sind wir rumpelnd ins Ziel gekommen. Das war ein lustiges Bild am Ende.
Am Ende haben es Marnie und Erik mit dem 911 nach Dakar geschafft und waren sogar die schnellsten ihrer Klasse.
Tunesien, Dakar, Peking-Paris
Was willst du noch unbedingt fahren?
In Tunesien gibt es dieses Jahr noch eine Rallye, und ich überlege, wie wir das hinbekommen. Das Startgeld haben wir durch die letzte Rallye geschenkt bekommen, es wäre schade, das verfallen zu lassen. Aber es ist ja nicht nur das Startgeld. Dazu kommen Mechaniker, Flüge, der Transport des Autos und so weiter.
Die originale Dakar in Saudi-Arabien würde mich auch reizen, einfach um sie einmal gemacht zu haben. Viele, die sie gefahren sind, kommen allerdings zur Africa Eco Race zurück, weil die Strecken so viel vielseitiger sind.
Und Peking-Paris?
Darauf hätte ich total Lust. Das sind aber mehr als fünf Wochen. Ein Freund von uns, der auch dieses Jahr mit uns die Africa Eco Race gefahren ist, hat die Rallye Peking-Paris schon einmal gewonnen. Er hat unglaubliche Dinge von dieser Rallye erzählt, was meine Lust, dort selbst einmal mitzufahren, natürlich noch größer gemacht hat.
Wie gefällt euch die Africa Eco Race? Schreibt es gerne in die Kommentare.
Zweimal war Erik Brandenburg fast klinisch tot. Heute baut der Arzt alte Elfer für Rallyes um und fährt damit die Dakar. Warum ein 911 mit Heckantrieb in der Wüste besser ist als ein Geländewagen.