Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost: 60 Jahre alter Entwurf gebaut.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost

In der Geschichte des Automobilbaus gibt es Projekte, die ihrer Zeit voraus waren und nie das Licht der Welt erblickten. Die Geschichte des Porsche 356 Zagato ist eine solche Erzählung: Sie handelt von einem visionären Rennfahrer, einer legendären italienischen Karosserieschmiede und einem Entwurf, der fast sechs Jahrzehnte in den Archiven schlummerte, bevor er schließlich Realität wurde.

Die Ursprünge: Claude Storez und sein Traum

Die Geschichte beginnt im Jahr 1957 mit dem französischen Porsche-Werksrennfahrer Claude Storez. Er war ein aufstrebendes Talent im internationalen Motorsport und suchte nach einem Wettbewerbsvorteil für seine Renneinsätze. Storez wandte sich an die Mailänder Karosserieschmiede Zagato mit einem besonderen Wunsch: Er wollte eine leichtere und aerodynamisch optimierte Karosserie für seinen Porsche 356 A Carrera GS Speedster.

Zagato, gegründet von Ugo Zagato nach dem Ersten Weltkrieg, hatte sich durch seine Arbeit im Flugzeugbau umfangreiche Kenntnisse im Leichtbau angeeignet. Das berühmte Superleggera-Verfahren, bei dem dünne Aluminiumbleche über ein tragendes Rohrgerüst gezogen werden, ermöglichte die Fertigung besonders leichter und dennoch stabiler Karosserien. Diese Expertise hatte Zagato bereits erfolgreich bei Fahrzeugen von Fiat-Abarth, Alfa Romeo und anderen Herstellern eingesetzt.

Das rollfähige Chassis wurde nach Mailand geliefert, und binnen weniger Wochen entstand ein völlig neues Fahrzeug. Zagato orientierte sich bei der Gestaltung am Porsche 550 RS Spyder und schuf eine niedrige, schlanke Aluminiumkarosserie, die den Motor im Heck eng umhüllte. Das Resultat war ein eleganter Speedster, lackiert in strahlendem Weiß mit charakteristischen roten Längsfinnen auf den hinteren Kotflügeln.

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Porsche 356 Speedster Zagato Storez

Der Porsche 356 Speedster Zagato von Claude Storez 1958 in Reims.

Triumph und Tragödie

Nach einer kleinen Reparatur, die noch in Stuttgart durchgeführt werden musste, konnte Storez seinen Zagato-Speedster im Herbst 1958 in Paris übernehmen. Er setzte das Fahrzeug umgehend im Rennsport ein. Im September 1958 startete er bei einer Etappe der Tour de France Automobile. Bei dem GT-Rennen in Reims erzielte er einen beeindruckenden zweiten Platz, nur geschlagen von Olivier Gendebien in einem Ferrari 250 GT Tour de France. Eine Aufnahme aus diesem Rennen, die Storez mit der Startnummer 139 zeigt, gehört zu den wenigen erhaltenen Dokumenten dieses außergewöhnlichen Fahrzeugs.

Im Februar 1959 nahm Storez an einer französischen Rallye teil. Auf der letzten Etappe ereignete sich ein tragischer Unfall, bei dem der talentierte Rennfahrer ums Leben kam. Das Schicksal des beschädigten Porsche-Zagato nach dem Unfall ist nicht vollständig dokumentiert. Nach übereinstimmenden Quellen wurde das Wrack noch im selben Jahr verschrottet. Mit dem Tod seines Besitzers und der Zerstörung des Fahrzeugs schien dieses einzigartige Kapitel der Porsche-Geschichte beendet.

Der nie gebaute Entwurf: Das Coupé von 1959

Was viele Jahre unbekannt blieb: Der Speedster von Claude Storez hatte bei Porsche Eindruck hinterlassen. Im Jahr 1959 erhielt Carlo Abarth, ein enger Freund der Familie Porsche, den Auftrag, einen speziellen Porsche 356 B für GT-Rennen zu entwickeln. Abarth wandte sich für die Karosserie an seinen bewährten Partner Zagato, der bereits seine erfolgreichen kleinen Coupés mit 750, 850 und 1000 Kubikzentimeter Hubraum eingekleidet hatte.

Am 11. September 1959 entstand bei Zagato eine Zeichnung für ein geschlossenes Porsche 356 B Coupé. Die Form war schlicht und ohne jeden Zierrat, geprägt von reiner Funktionalität. Der Entwurf sah ein Fahrzeug vor, das weniger als 700 Kilogramm wiegen sollte. Technische Zeichnungen bestimmten die exakten Dimensionen der Karosserie, und Briefe zwischen Ugo Zagato und der Porsche-Geschäftsleitung dokumentieren den Austausch über die geplante Zusammenarbeit.

Warum das Projekt letztlich nicht realisiert wurde, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die Entwürfe verschwanden in den Archiven von Zagato und gerieten über die Jahrzehnte in Vergessenheit.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost

Dieser Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost besitzt die gleiche Lackierung in Weiß mit roten Heckfinnen wie der 356 Speedster Zagato von Storez.

Der Archivfund und das „Sanction Lost“-Programm

Mehr als fünf Jahrzehnte später, als Andrea Zagato gemeinsam mit seiner Frau Marella die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatte, begann ein umfangreiches Projekt zur Digitalisierung des historischen Archivs. Bei dieser Arbeit stieß das Team auf die Originalzeichnungen und Fotografien sowohl des Storez-Speedsters als auch des nie realisierten Coupés.

Die Entdeckung fiel in eine Zeit, in der Zagato unter dem Namen Sanction Lost bedeutende Modelle aus der eigenen Unternehmensgeschichte wiederauferstehen ließ. Anders als bei herkömmlichen Repliken handelt es sich bei diesen Fahrzeugen um originale Rekonstruktionen, die folglich auch das ursprüngliche Herstellerlogo tragen dürfen. Nach erfolgreichen Projekten auf Basis von Lancia, Ferrari und Maserati schien der Porsche 356 Zagato der logische nächste Schritt.

Die Initiative ging von einem amerikanischen Sammler namens Herb Wetanson aus, der Zagato mit der Anfrage kontaktierte, seinen Porsche 356 A in einen Speedster nach dem Vorbild des Storez-Fahrzeugs umzubauen. Zagato erkannte das Potenzial und entwickelte daraus ein umfangreicheres Programm.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost

Nur neun Exemplare des Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost hat Zagato zwischen 2015 und 2017 gebaut.

Modernste Technik und traditionelles Handwerk

Für die akkurate Rekonstruktion setzte Zagato modernste Photogrammetrie-Technologie ein. Die wenigen erhaltenen historischen Fotografien des Storez-Speedsters wurden gescannt und digital analysiert, um ein präzises dreidimensionales Modell der Karosserie zu erstellen. Bei den Recherchen in den Archiven kam auch der Coupé-Entwurf von 1959 wieder zum Vorschein.

Porsche wurde offiziell kontaktiert und erteilte die Genehmigung, das Markenlogo auf den Fahrzeugen zu verwenden. Die Bedingung: Es mussten originale Porsche 356-Fahrgestelle als Basis dienen. Zagato entschied sich, beide Varianten in einer streng limitierten Kleinserie aufzulegen: neun Speedster und neun Coupés, insgesamt 18 Fahrzeuge.

Die Chassis wurden sorgfältig restauriert und erhielten dann die in traditioneller Handarbeit gefertigten Aluminiumkarosserien. Von den 18 Fahrzeugen wurden nur drei mit den begehrten Carrera-Motoren mit Königswellenantrieb und 115 PS ausgestattet: ein Speedster und zwei Coupés. Die Mehrheit der Exemplare ging an Sammler in den Vereinigten Staaten.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost

Einer von zwei Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost mit Carrera-Motor.

Das Coupé in Bianco Gardenia

Unter den produzierten Fahrzeugen nimmt ein Exemplar eine besondere Stellung ein: Ein Coupé, lackiert in Bianco Gardenia mit roten Akzenten auf den charakteristischen Zagato-Heckfinnen. Diese weiß-rote Farbgebung entspricht der des ursprünglichen Storez-Speedsters von 1958 und stellt eine direkte Hommage an das historische Vorbild dar.

Als Basis für dieses Fahrzeug, von dem die Fotos auf dieser Seite stammen, diente ein Porsche 356 B Coupé mit der Fahrgestellnummer 117289, das am 2. August 1961 das Werk in Stuttgart verlassen hatte. Im Jahr 2015 wurde das Fahrzeug nach Mailand zu Zagato geschickt, wo die originale Porsche-Karosserie entfernt und durch den handgefertigten Coupé-Aufbau ersetzt wurde. 2017 war das Fahrzeug fertiggestellt und wurde an seinen neuen Besitzer ausgeliefert.

Der Innenraum zeigt eine Ausstattung mit roten Ledersitzen vorne, schwarzen Leder-Notsitzen im Fond, schwarzem Teppich und einem Armaturenbrett in Bianco Gardenia. Das Fahrzeug wird von einem Porsche-Echtheitszertifikat und einer Kopie der originalen Bauunterlagen begleitet.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost Innenraum

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost Innenraum mit roten Ledersitzen.

Auktion und Bedeutung

Im Jahr 2021 wurde dieses besondere Coupé bei RM Sotheby's in London gleichzeitig mit seinem passenden Speedster-Schwesterfahrzeug versteigert. Das Coupé erzielte einen Zuschlagspreis von 503.000 Euro. Die Versteigerung unterstrich das anhaltende Interesse von Sammlern an diesen seltenen Verbindungen zwischen deutscher Ingenieurskunst und italienischem Design.

Ein weiteres Exemplar, ein Coupé in der Farbe Grigio Medio mit einer Lederausstattung in Rosso Cartier, blieb bis vor kurzem in der Ausstellung bei Zagato selbst. Es basiert auf einem 356 B T5-Fahrgestell aus den USA und wurde Ende 2017 fertiggestellt. Später wurde es über den britischen Oldtimerhändler Girardo & Co. verkauft.

Diesen 718 Spyder RS baute Porsche als Hommage an den Panamericana Klassensieger 550 Spyder von 1954.

Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost

Dieser Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost wurde 2021 für über eine halbe Million Euro versteigert.

Ein Vermächtnis, das überdauert

Der Porsche 356 Carrera Zagato Coupé Sanction Lost steht für mehr als nur ein seltenes Sammlerfahrzeug. Er ist ein Symbol für die Verbindung zweier großer Traditionen: der kompromisslosen Ingenieursphilosophie von Porsche und der künstlerischen Handwerkskunst der italienischen Carrozzeria.

Die Bezeichnung Sanction Lost verweist auf den besonderen Status dieser Fahrzeuge. Im Gegensatz zu Sanction II-Fahrzeugen, bei denen der Originalhersteller eine Fortsetzungsserie autorisiert, wurde hier ein nie realisiertes Projekt zum Leben erweckt. Das Original existierte nur auf Papier und in den Köpfen seiner Schöpfer.

Dass dieses Kapitel der Automobilgeschichte durch eine moderne Kleinserie mit offiziellem Segen von Porsche wiederbelebt wurde, verleiht dem Projekt eine besondere Authentizität. Es zeigt, dass gutes Design und ein durchdachtes technisches Konzept auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Relevanz verlieren. Der Traum von Claude Storez, so tragisch er auch endete, lebt in diesen Fahrzeugen weiter.

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Technische Daten im Überblick

Basis: Porsche 356 B (originale Fahrgestelle)

Karosserie: Aluminium, handgefertigt nach Superleggera-Prinzip

Hersteller: Zagato, Mailand

Produktionszeitraum: 2015 bis 2017

Stückzahl: 9 Coupés (plus 9 Speedster)

Carrera-Motoren: 2 Coupés und 1 Speedster

Originalentwurf Coupé: 11. September 1959

Originalentwurf Speedster: 1957 (realisiert 1958)

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