Als Rollstuhlfahrer im handgeschalteten Elfer: David Horvath und sein luftgekühlter 911
Seit einem Sportunfall 2019 ist der ehemalige Radprofi David Horvath Querschnittsgelähmt. Das hält ihn weder vom Downhill ab noch davon, einen handgeschalteten 911 zu fahren. Das G-Modell mit Sportomatic hat er selbst mit Freunden weiter umgebaut.
Ein Elfer ohne Kupplungspedal galt lange als Notlösung für Puristen. Für David Horvath ist die Sportomatic der Schlüssel zu einem Auto, das er sonst nicht bewegen könnte. Der ehemalige Radprofi hat seinen Porsche gemeinsam mit zwei Freunden umgebaut.
Die Sportomatic gehört zu den Kapiteln der Elfer-Geschichte, über die lange eher gespottet als geschrieben wurde. Kein Verkaufserfolg, kein Prestige, für viele Sammler bis heute ein Makel im Datenblatt. In einer Garage in Deutschland steht ein luftgekühlter 911, bei dem genau dieses Getriebe der Grund ist, warum das Auto überhaupt gefahren werden kann.
Der Wagen gehört David Horvath. Der heute 30-Jährige sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl und bedient die Pedale seines Porsche über eine Handgasanlage. Schalten kann er selbst, weil die Sportomatic das Kupplungspedal überflüssig macht.
David Horvath hat den luftgekühlten 911 so umgebaut, dass er ihn trotz gelähmter Beine fahren kann.
Warum Sportomatic
Porsche stellte das halbautomatische Getriebe 1967 für das Modelljahr 1968 vor, entwickelt gemeinsam mit Fichtel & Sachs. Der Fahrer legt die Gänge weiterhin selbst ein, das Auskuppeln übernimmt die Technik. Ein Kontaktschalter im Schaltknauf registriert den Griff zum Hebel und öffnet über ein Magnetventil eine unterdruckgesteuerte Kupplung. Für das Anfahren sorgt ein hydraulischer Drehmomentwandler, weshalb der Wagen im Stand nicht ausgeht.
Genau diese Eigenschaft macht das Getriebe für Horvath nutzbar. Er kann anfahren, ohne einen Fuß einzusetzen, und er kann bei Bedarf auch im vierten Gang zum Stehen kommen, ohne den Motor abzuwürgen. Was in den Sechzigerjahren als Komfortmerkmal für Pendler und den Stadtverkehr gedacht war, erfüllt hier eine Funktion, an die in Zuffenhausen damals niemand gedacht hat.
Angeboten wurde die Sportomatic zunächst mit vier Fahrstufen, später mit drei. 1980 verschwand sie ersatzlos aus dem Programm, unter anderem weil das Drehmoment der Dreiliter-Motoren die Auslegung überforderte. Wer heute einen Elfer mit diesem Getriebe sucht, findet ihn meist deutlich günstiger als einen Handschalter derselben Baureihe.
Dank Sportomatic ist David Horvath sogar handgeschaltet im 911 unterwegs.
Vom Weltcup-Kader in den Rollstuhl
Vor dem Unfall war Horvath Profisportler. Dreifacher Deutscher Meister im Cross-Country-Radsport, langjähriger Fahrer der Nationalmannschaft, Mitglied im Olympia-Perspektivkader. Für 2019 stand sein Debüt im Downhill-Weltcup an.
Der Sturz passierte im italienischen Val di Sole, im letzten Trainingslauf vor der Qualifikation. Es regnete, die Strecke war nass, Wurzeln lagen frei. Für den zweiten Lauf entschied sich Horvath für einen Reifen, den er zuvor noch nie gefahren war, eine Abweichung von seiner eigenen Regel. Auf nassem Holz verlor er den Grip, rutschte ab und landete in einem Wassergraben.
An den Aufprall erinnert er sich nicht. Als er beim Sanitäter zu sich kam und sich aufrichten wollte, reagierten seine Beine nicht. Achter Brustwirbel gebrochen, Rückenmark gequetscht. Unterhalb des Brustkorbs hat er seither kein Gefühl mehr.
Auch Downhill fährt David Horvath wieder dank Spezial-Mountainbike.
„Es ist egal, wie du aussiehst“
Knapp fünf Jahre danach spricht Horvath ohne Bitterkeit über den Unfall. Konjunktive interessieren ihn nicht. Jeder Mensch kämpfe mit irgendetwas, sagt er, und die empfundene Belastung sei bei allen ähnlich. Sein Credo formuliert er knapp: „Es ist egal, wie du aussiehst. Wichtig ist, was du leistest.“
Er absolvierte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitet heute in der Vorstandsassistenz eines Maschinenbauunternehmens. Den Umgang mit dem Rollstuhl hat er sich in derselben Haltung angeeignet, mit der er früher trainiert hat: Wheelies beherrscht er, Treppen fährt er hinunter. Der Verzicht aufs Laufen sei verkraftbar gewesen, sagt er. Schwieriger sei im Alltag, wenig zu fühlen.
Zum Radsport ist er zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem Deutschen Enduro-Meister Torben Drach coacht er das selbst gegründete Rotwild Schwalbe Gravity Team und fährt selbst wieder Abfahrten, mit einem adaptiven Mountainbike, das einem Liegerad mit drei Rädern ähnelt.
Ein Prototyp für andere
Bei diesem Gerät sieht er noch Luft nach oben. Mit Drach entwickelt er einen neuen Prototypen. Sein Ziel ist es, Menschen mit Einschränkungen den Weg in die Natur zu öffnen und sie auch wieder heil zurückzubringen.
Angst vor einem weiteren Sturz hat er nicht, und er begründet das nüchtern: Wer darüber nachdenke, was passieren könnte, fahre nicht mehr befreit. Am wohlsten fühlt er sich weiterhin im Grenzbereich, bei hohem Tempo, mit kalkuliertem Risiko. Daran hat der Unfall nichts geändert.
Keine Angst vor weiteren Stürzen: David Horvath ist trotz seiner Querschnittslähmung schnell unterwegs.
Der Rollstuhl auf dem Beifahrersitz
Beim Elfer ist es ähnlich. Die Kontrolle über die Geschwindigkeit gebe ihm eine Ruhe, die er sonst nirgends finde, sagt Horvath. Am Steuer sitzen, den Motor hören, die Wucht des Wagens spüren, so komme er nach einem stressigen Tag herunter. Um Eindruck zu machen, fahre er den Porsche ausdrücklich nicht.
Den zusammengefalteten Rollstuhl platziert er bewusst sichtbar auf dem Beifahrersitz. An Tankstellen erntet er hin und wieder ungeduldige Blicke, wenn er etwas länger braucht. Sobald der Rollstuhl auffällt, kippt die Stimmung meist ins Positive. Die Leute seien kurz irritiert, sagt er, für viele sei die Situation schlicht neu.
Der Umbau selbst entstand in Eigenregie, gemeinsam mit zwei Freunden. Handgas für Gas und Bremse, die Sportomatic für alles Übrige. Es ist dieselbe Logik, die auch hinter dem adaptiven Mountainbike steht: nicht auf eine fertige Lösung warten, sondern eine bauen.
David Horvath findet Ruhe im 911. Der gefaltete Rollstuhl liegt auf dem Beifahrersitz.
Fazit
Für die Elfer-Szene ist die Sportomatic bis heute ein Randthema, meist mit Preisabschlag versehen. Dieses Auto zeigt, dass ein technisch umstrittenes Getriebe genau die Eigenschaft haben kann, die den Unterschied zwischen fahren und nicht fahren ausmacht.
David Horvath fasst seine Haltung in einem Satz zusammen, der auf beides passt, auf das Mountainbike und auf den Porsche: „Man steuert selbst, wie man sein Leben gestaltet.“
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