50 Jahre Porsche 935: Von „Baby“ bis „Moby Dick“

Porsche 935 Moby Dick

50 Jahre nach der Homologation feiert einer der erfolgreichsten Rennwagen seiner Geschichte Jubiläum. Ein Rückblick auf fünf Fahrzeuge, die zeigen, wie radikal der Porsche 935 das Reglement der Gruppe 5 ausreizte.

Im März 1976 homologierte die FIA den Porsche 935 für die Gruppe 5. Auf Basis des 911 entwickelt, entstand ein Rennwagen, der die Marken-Weltmeisterschaft sowie nationale und internationale Serien über Jahre hinweg dominierte. Zum 50. Jubiläum dieser Homologation und im Rahmen des Jubiläumsjahrs „75 Jahre Porsche Motorsport“ zeigen wir die fünf wichtigen Varianten des 935.

1976: Das 935 Ausgangsmodell

Der erste 935 entstand dort, wo das Reglement Freiräume ließ. Breite Kotflügel, provokante Technik und ein Konzept, das bei der FIA für intensive Diskussionen sorgte. Jedes Karosserie-Element musste bei der technischen Abnahme einzeln verteidigt werden. Das galt vor allem für den vorderen Flachbau, bei dem die typischen 911-Scheinwerfer in die Frontschürze verlegt wurden. Das Cockpit war auf schnelle Anpassung während des Rennens ausgelegt, die Kommunikation zwischen Fahrer und Team funktionierte ohne Funkkontakt zur Box. Von Anfang an trug der 935 eine klare Handschrift: das möglichst freizügige Auslegen des Reglements und die Bereitschaft, jede Grauzone zu nutzen.

Porsche 935 1976 Norbert Singer und Timo Bernhard

Rennentwickler Norbert Singer erklärt Le-Mans-Sieger Timo Bernhard den ersten Porsche 935 von 1976.

1977: Der 935/77 mit Biturbo

Für die Saison 1977 entwickelte Porsche den 935 entscheidend weiter. Die Karosserie wurde aerodynamisch überarbeitet, der Spiegel in den Kotflügel versetzt, Kanten verschwanden, um den Abtrieb zu verbessern. Die wichtigste Neuerung war jedoch der Umstieg auf zwei Turbolader. Zwei kleinere Lader reagierten deutlich schneller als der bisherige Einzellader, reduzierten das gefürchtete Turboloch und machten die Leistung besser dosierbar. Für die Fahrer bedeutete das einen erheblichen Gewinn an Fahrbarkeit.

Porsche 935/77

Der Porsche 935/77 verbesserte 1977 mit Biturbo die Fahrbarkeit des Rennwagens.

1977: Das 935-Testauto als Wegbereiter

Ebenfalls 1977 entstand das 935-Testauto, das nie für Titel gedacht war und doch alles möglich machte. Es erlebte nur einen einzigen Renneinsatz am Norisring, diente aber als Versuchsträger für alle späteren Entwicklungen. In seiner ungewöhnlichsten Rolle fungierte es sogar als Windschattengeber für einen Geschwindigkeitsrekordversuch mit dem Bahnradfahrer Jean-Claude Rude, der Geschwindigkeiten jenseits von 240 km/h anstrebte. Der Versuch endete spektakulär.

Die ganze Geschichte des Rekordversuchs haben wir hier nachgezeichnet.

Jean-Claude Rude (links) wollte hinter dem Porsche 935-Testauto 240km/h erreichen.

1977: Der 935 „Baby“ für die Zweiliter-Klasse

Im selben Jahr verfolgte Porsche mit dem „Baby“ einen radikal anderen Ansatz. Ziel war ein Fahrzeug für Sprintrennen in der Zweiliter-Klasse. Die Ingenieure nahmen buchstäblich jedes Teil in die Hand und hinterfragten seine Notwendigkeit: Die Sitzverstellung wurde gestrichen, selbst der Zündschlüssel durchlöchert. Der Unterboden wich einem Aluminiumrahmen, Stahl verschwand überall dort, wo es möglich war. Am Ende lag das Chassis unter dem Mindestgewicht. Der Motor schrumpfte auf 1,4 Liter Hubraum und forderte Drehzahl: Unterhalb von 5.000 Umdrehungen zurückhaltend, darüber schlagartig präsent. Ein Auto, das volle Konzentration und Respekt verlangte.

Porsche 935 Baby Norisring

Der Porsche 935 „Baby“ trat in der Zweiliter-Klasse gegen BMW und Ford an.

1978: Der 935/78 „Moby Dick“ als Krönung

Im Herbst 1977 begann die Entwicklung, 1978 trat der 935/78 erstmals öffentlich an. Er löste sich bewusst von der bekannten 911-Silhouette und war konsequent auf Le Mans zugeschnitten. Sein 3,2-Liter-Sechszylinder-Boxer mit Biturbo verfügte erstmals über wassergekühlte Vierventil-Zylinderköpfe bei luftgekühlten Zylindern. Für Sprint- und WM-Rennen standen bis zu 845 PS zur Verfügung. Schon beim Debüt in Silverstone fuhr der „Moby Dick“ im Training zwei Sekunden schneller als das restliche Feld und gewann den WM-Lauf deutlich. In Le Mans senkten die Ingenieure den Luftwiderstand so weit, dass auf der Hunaudières-Geraden 366 km/h erreicht wurden. Nur zwei Fahrzeuge wurden gebaut, doch „Moby Dick" wurde zum vielleicht ikonischsten aller 935. Sein Schöpfer Norbert Singer nannte ihn später „die Krönung des Ganzen“. Wie alle Werks-935 besaß er das ikonische Martini-Design.

Hier haben wir die schönsten Porsche-Renndesigns von Martini bis Jägermeister zusammengetragen.

Porsche 935 Moby Dick

Der extreme 935 „Moby Dick“

Fünf Fahrzeuge, ein Prinzip

Vom homologierten Ausgangsmodell über den leichtbaugetriebenen „Baby“ bis zum extremen „Moby Dick“ zeigen die fünf Varianten des 935 die ganze Bandbreite des Porsche-Motorsportgeists der 1970er-Jahre: technische Lösungen immer wieder neu denken, das Reglement präzise lesen und den Mut haben, Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen. Kein anderes Fahrzeug verkörpert dieses Prinzip so konsequent wie der 935.

Zum Jubiläum hat Porsche die Renningenieur-Legende Norbert Singer und Le-Mans-Sieger Timo Bernhard zusammengebracht, um die Geschichte aller fünf Varianten in einer fünfteiligen Videoreihe „Porsche Heritage Moments“ auf dem Porsche-YouTube-Kanal zu erzählen. Singer, der die Entwicklung des 935 maßgeblich geprägt hat, gibt darin detaillierte Einblicke in die technischen Entscheidungen hinter jedem einzelnen Fahrzeug:


Wie gefällt euch der 935? Schreibt es gerne in die Kommentare.


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